Wie schwer ist ein Wort? - 2. Advent (6.12.2020)

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Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Vor dem 2. Advent ist die Unsicherheit fast mit Händen zu greifen. Was gestern noch angekündigt wird - z.B. der Kunsthandwerkermarkt in Bad Herrenalb -, ist heute abgesagt. Der Landkreis ergreift weitgehende Maßnahmen. Wie steht es mit dem, was unsere Gemeinden planen? Wir müssen genau hinschauen, wir müssen Vieles bedenken, was sonst einfach lief. Aber wir sehen - Stand heute - keine Notwendigkeit Gottesdienste im Advent oder am Christfest abzusagen.

 

In dieser Situation bekommt der Wochenspruch eine Aktualität, die er nicht immer hat(te):

 

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,28)

 

"Kopf hoch" – das sagen Fußballtrainer zu ihren Spielern, wenn die nicht mehr wahrnehmen, was um sie herum passiert. "Seht auf und erhebt eure Häupter" – nur so behalten wir den Überblick und können sehenden Auges gestalten, was vor uns liegt ... und das sind nicht Chaos oder Diktatur, sondern die Erlösung, wann auch immer.

"Seht, die gute Zeit ist nah" (Evangelisches Gesangbuch 18,1)

Wir beten:

Herr Jesus Christus, wir leiden an dieser Welt. Wir sehnen uns nach Gerechtigkeit und Frieden, nach Normalität und dem Ende der Pandemie.

 

Wann wirst du kommen und die Schöpfung erneuern? Damit aus Schreien der Verzweiflung und Angst ein Loblied wachsen kann, beten wir zu dir.

 

Wecke uns auf, dass wir bereit sind, wenn du kommst, dich mit Freude zu empfangen und dir ihm mit reinem Herzen zu dienen.

 

Auf dich hoffen wir in Zeit und Ewigkeit.

 

Amen

"Es kommt ein Schiff, geladen" (EG 8,1)

Ein gutes Wort bekommt Gewicht

Irgendwie singt man die Adventslieder eben, liebe Gemeinde. Die Worte sind einem vertraut – ob mir, ob anderen der Sinn oder der Hintergrund immer vor Augen steht ... Neulich, noch vor der Adventszeit, fiel mir das Lied, das wir eben gesungen haben, ein:

 

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein’ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

 

Zum ersten Mal fragte ich mich: Warum ist das Schiff so schwer? Was genau hat es geladen?

 

Die Antwort steht da: Gottes Sohn trägt es, "des Vaters ewigs Wort". Wie schwer ist ein Wort? Wie kann es sein, dass das Schiff voll beladen ist, mit einem Kind, mit einem Wort? Was ist das für ein Schiff? Was ist das für ein Wort?

  

Ja, wir kennen Worte, die schwer wiegen. Mir fallen vor allem böse Worte ein, die schwer wiegen, harsche Worte, falsche Worte. Ich selbst habe solche Worte gesagt, und damit Freundschaften ein Ende gesetzt. Und im Rückblick tröstet es mich nicht zu wissen, dass ich damals in einer schwierigen Lebenssituation war, dass ich unter Stress stand. Umgekehrt habe ich erlebt, wie andere mir harsche, verletzende Worte gesagt haben. Auch daran sind Freundschaften zerbrochen. Ein Nein zur falschen Zeit, eine Lüge, die auffliegt. Böse, harsche, verletzende Worte können sehr schwer wiegen. Freundschaften zerbrechen, Verwandte reden nicht mehr miteinander, gehen einander aus dem Weg.

 

Wiegen gute, passende Worte auch so schwer? Natürlich kennen wir auch solche Worte: Ein Lob, "Ich liebe dich", "das hast du gut gemacht", ein gemeinsames "Ist das nicht schön?". Aber mir scheint, dass gute Worte nicht schwer wiegen, sondern leicht sind, leicht machen.

 

Das voll beladene Schiff trägt aber kein gutes oder schlechtes, sondern ein ewiges Wort. Wie schwer ist ein ewiges Wort? Mit dem Evangelisten Johannes (1,14) setzt das Adventslied Gottes ewiges Wort und Jesus, den Gottessohn in eins:

 

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit …

 

Wie schwer ist Gottes ewiges Wort? Ist es überhaupt ein schweres Wort? Ist es nicht ein gutes Wort, also ein leichtes?

 

Man könnte ja schätzen, wie schwer Jesus, der Gottessohn zu Lebzeiten war. Wir kennen Jesus ja so gut. Wenn wir ein Bild sehen, wissen wir sofort: das ist Jesus. Das gilt sogar für Jugendliche, die nicht so viel vom christlichen Glauben wissen. In der Schule zeige ich ein Bild, ein Mann mit langen Haaren und einem Bart, in antiker Kleidung. Sie wissen sofort: das ist Jesus. Ist Gottes ewiges Wort so schwer wie ein durchschnittlicher Mann aus Galiläa in der Antike? Wohl kaum.

 

Von bösen und von guten Worten habe ich gesprochen. Ein gutes Wort ist leicht, habe ich gesagt. Aber es gibt noch etwas dazwischen: ein leeres Wort. Ein leeres Wort hat überhaupt kein Gewicht. Das Wort klingt gut, ist aber leer. Was unterscheidet ein gutes von einem leeren Wort? Wie unterscheide ich das gute Wort, das leicht macht, von dem leeren Wort, das überhaupt kein Gewicht hat?

  

Ein gutes Wort ist und macht leicht; doch es bekommt Gewicht durch das, was dahinter steht. Im Jakobusbrief, einem eher unbekannten Brief des Neuen Testaments, steht ein Beispiel:

 

Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das? (2,15f)

 

"Geht hin in Frieden" – das ist ein gutes Wort. Aber es ist ein leeres Wort, wenn diesem guten Wort nicht – sofern möglich – das folgt, "was der Leib nötig hat".

 

Wie schwer ist ein Wort? Ein gutes Wort ist leicht. Wenn es kein leeres Wort bleibt, bekommt es Gewicht durch das, was dahinter steht.

  

Ich habe das heute erlebt. Am Fuße unserer Treppe habe ich nämlich einen vollen Schuh gefunden! Einen Schuh voller Süßigkeiten. Der Nikolaus hat’s gebracht, der Heilige Nikolaus steckt dahinter. Als Bischof hat er Gottes Wort verkündigt und zugleich dafür gesorgt, dass das Wort Gewicht hat. Die Schiffe, die in seiner Hafenstadt anlegten, waren "geladen bis an (ihren) höchsten Bord". Während einer Hungersnot hat er Getreide, das für die Hauptstadt bestimmt war, für die Armen seiner Stadt sichergestellt, hat ihnen gegeben, "was der Leib nötig hat". Da hat das Wort Gottes Gewicht bekommen, da war es in Tonnen zu wiegen. Die mit Süßigkeiten gefüllten Schuhe erinnern daran.

 

Wie schwer ist ein Wort? Als gutes Wort ist das ewige Wort von Gottes Sohn leicht. Aber durch das, was dahinter steht, bekommt es Gewicht. Die vollen Schuhe und das "Schiff beladen bis an sein höchsten Bord" – beide Bilder versichern uns, dass Gottes Wort kein leeres Wort ist, sondern als gutes Wort Gewicht hat.

 

Amen

"Es kommt ein Schiff, geladen" (EG 8,1)

Wir beten:

Herr Jesus Christus,

 

erhalte uns in deiner Gemeinschaft. Hilf, dass dein Friede sich auch durch uns ausbreite, bis du kommst in Herrlichkeit.

 

Denn wir warten auf dich, Herr. Lass uns dein Licht sehen, das unseren Weg hell macht.

 

Lass uns die Menschen sehen, die im Dunkeln leben.

 

Schenke uns den Funken Licht, den wir für uns und andere brauchen, damit unsere Welt hell und warm wird.

 

Gemeinsam beten wir, wie du uns gelehrt hast:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

"Hirt und König, Groß und Klein" (EG 18,2)

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit zuversichtlich in die kommenden Tage:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

Pfarrer Matthias Ahrens