Der Granatapfel - Gebote für Befreite? Gottesdienst am 1.11.2020

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Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Von Mitte Oktober bis zu diesem Sonntag stehen die Zehn Gebote im Mittelpunkt der Gottesdienste in Neusatz-Rotensol (und Dobel).

 

In Stein gemeißelt - so werden die Zehn Gebote bis heute gern wahrgenommen. Auch nichtreligiöse Menschen kennen die Zehn Gebote und akzeptieren sie - wenigstens teilweise - als verbindliche Regeln. Für Konfirmanden sind die Zehn Gebote nach wie vor verbindlicher "Memorierstoff". Doch wie die Gebote zu verstehen sind, wie wir mit ihnen umgehen sollen und können, das erklärt sich nicht von allein.

 

Wir - Pfr. Peter Müller und Pfr. Matthias Ahrens - haben uns zwei Gebote und zwei Themen im Umgang mit den Geboten vorgenommen. Im vierten Gottesdienst zur Predigtreihe geht es noch einmal um die Gebote allgemein und den Umgang mit ihnen.

 

Was die Gebote mit dem Granatapfel zu tun haben und weshalb die Zehn Gebote einen Kompromiss darstellen, ist unten nachzulesen.

 

 

"Du hast uns, Herr, gerufen" (Evangelisches Gesangbuch 168,1)

Wir beten:

Da stehen wir nun, unser Gott: Wir wissen, was gut und böse ist, wir nehmen uns vor, das Gute zu tun.

 

Wir handeln selten richtig böse; aber das Gute tun wir auch zu selten, so sehr wir uns anstrengen.

 

An deinen Geboten wollen wir uns orientieren; doch zu oft handeln wir nach eigenen Maßstäben.

 

Wir sind auf deine Gnade angewiesen, unser Gott, bei dem, was wir tun, und bei dem, was wir unterlassen.

 

Schenk uns deine Gnade, wie unser Herr Jesus Christus verheißen hat.

 

Amen

"Du legst uns deine Worte und deine Taten vor" (EG 168,2)

Zehn Gebote - ein guter Kompromiss

Zehn Gebote, die Zehn Gebote. Zehn Gebote sind ein Kompromiss, wohl ein guter Kompromiss. Ein Kompromiss zwischen was? Na, zwischen allen Geboten und gar keinen.

 

Schließlich gibt es in der Bibel viel mehr als zehn Gebote. Beim Besuch der Pforzheimer Synagoge wies der Rabbiner uns auf den Schmuck an den Bänken hin: hölzerne Abbildungen eines Granatapfels. Nach der Überlieferung, erklärte er uns, hat ein Granatapfel 613 Kerne – genau so viele, wie es in der Bibel Gebote gibt.

 

Quelle: Creative Common

Auch im Kleinen Katechismus nach Luther und Brenz – unserer Württembergischen Form des Kleinen Katechismus – gibt es mehr als die zehn Gebote. Auf das zehnte Gebot folgt dort das Doppelgebot der Liebe; und darin fasst Jesus zwei weitere biblische Gebote zusammen, die nicht zu den zehn gehören: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.

 

Das Gebot "Du sollst Gott lieben" gehört zu dem Abschnitt, der als das "Bekenntnis Israels" bezeichnet wird:

 

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. (Deuteronomium/ 5. Mose 6)

 

Und das Gebot der Nächstenliebe steht im 3. Mosebuch – da schauen wir sonst nur selten hinein –, wo es auch Gebote für Opfer und sexuelle Beziehungen stehen. Jesus bezeichnet diese beiden Gebote als "das größte Gebot". Damit hebt er die anderen nicht auf. In diesem "größten Gebot" sollen all die vielen anderen Gebote zusammengefasst sein. All die vielen anderen Gebote sollen im Licht dieses "größten Gebots" gesehen werden, dem sogenannten "Doppelgebot der Liebe".

 

So sind in der Geschichte Gottes mit seinem Volk, in der Geschichte der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten … so sind in dieser Geschichte die Zehn Gebote einfach die ersten Gebote, die Mose für das Volk am Berg Gottes empfängt. Den Zehn folgen noch viele weitere Gebote … insgesamt eben 613.

 

Diese ersten Zehn Gebote zeigen, worum es geht. Peter Müller hat es in der vergangenen Woche so formuliert:

 

Die Gebote sind nicht drohendes Gesetz über unseren Häuptern, sondern ein Angebot dessen, der uns befreit und der mitgeht in unserem Leben; ein Angebot Gottes, der uns gut will.

 

Und so sind nicht nur die zehn, so sind auch die anderen Gebote zu verstehen.

Denn die Zehn Gebote für sich genommen decken überhaupt nicht das ganze Leben ab und sprechen auch nicht alle Menschen an, nicht einmal alle Menschen im alten Israel. Die Zehn Gebote wenden sich – das zeigen besonders das Sabbatgebot und das Gebot "Du sollst nicht begehren" – an die männlichen Familienoberhäupter. Wie begrenzt die Zehn Gebote sind, wurde mir an einem Konfi-Tag klar. Die Jugendlichen sollten darüber sprechen, was die Gebote für sie bedeuten. Und zwei Jungs wussten beim besten Willen nicht, was sie mit dem Gebot anfangen sollten, das sie sich ausgesucht hatten: Du sollst nicht ehebrechen …

 

Die Zehn Gebote, habe ich gesagt, sind ein Kompromiss, ein guter Kompromiss zwischen allen Geboten und gar keinen.

 

Wieso gar keinen Geboten? Na, weil wir Evangelischen so stolz auf unsere Freiheit sind, und Freiheit verstehen wir traditionell als Freiheit vom Gesetz, vom jüdischen Gesetz, von den Geboten des Alten Testaments. "… da ist Freiheit" – diesen Satzsplitter von Paulus hat unsere Landeskirche über das Reformationsjubiläum gesetzt.

Was meint der Apostel mit der Freiheit vom Gesetz? Er argumentiert so: Wenn ein Mensch bei Gott anerkannt wird (er nennt es: gerecht gesprochen), weil er die Gebote hält, dann muss er alle Gebote halten. Schließlich haben die alle denselben Rang. Weil das niemandem gelingt, könnte nach menschlichem Ermessen auch niemand bei Gott anerkannt sein. Doch weil Jesus für uns gestorben und auferstanden ist, sagt Paulus, kann ein Mensch auch dadurch vor Gott anerkannt sein, dass er sich auf Jesu Heilstat beruft. Gott erkennt die Menschen an, nicht weil sie die Gebote halten, sondern allein aus Gnade um Jesu Christi willen. Deshalb sind wir frei von den Geboten; wir müssen sie nicht um Gottes Willen halten.

 

 

Als christusgläubiger Jude führt der Apostel hier auch eine innerjüdische Diskussion; die ist uns ziemlich fremd. Aber Paulus stellt auch uns vor die Frage: Wie haltet ihr es mit den Geboten? Wenn Gottes Gebote für das Heil von Bedeutung sind, müsst ihr alle beachten! Tut ihr das? Und wir tun es eben nicht. In unseren Kirchen heben wir einige hervor ("Du sollst nicht töten", "Du sollst den Feiertag heiligen") und stellen andere eher in den Hintergrund. Z.B. beim Ehebruch sind wir nicht so laut. Dafür gibt es gute Gründe. Nur sollten wir uns dieser unterschiedlichen Gewichtung bewusst sein. Wie können wir von der evangelischen Freiheit sprechen und zugleich die Zehn Gebote hochhalten?

 

Die Zehn Gebote sind ein Kompromiss, habe ich etwas flapsig gesagt. An den zehn Geboten erweist sich auf jeden Fall, wie wir allgemein mit Gottes Geboten, mit Gottes Wort umgehen.

 

Gebote machen mir erst deutlich, wo ich versage, wo ich mir und anderen nicht gerecht werde. So führt mir das Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren" vor Augen, wo ich das nicht tue. Erst mit dem Sabbatgebot im Kopf wird mir klar, wieviel Sonntagsarbeit geleistet wird und wieviel ich in Anspruch nehme. Das Gebot "Du sollst nicht töten" verhindert, dass wir notwendige Gewaltausübung (Staatsgewalt) als normal hinnehmen. Im Licht des Gebots stellt sie immer ein Versagen dar.

 

Auch für Paulus hat die evangelische Freiheit Grenzen, und zwar dort, wo es um das Zusammenleben geht. Ich kann ohne die Gebote leben, sagt er. Aber vielleicht können mein Bruder oder meine Schwester es nicht; und dann werde ich mich nicht über sie erheben, sondern mich ihnen anpassen.

 

Als befreiter Christenmensch kann ich mich auch selbst an Gebote binden. In den ersten Christengemeinden trafen – die Apostelgeschichte schildert das – jüdische Gläubige zusammen mit solchen, die bis dahin "Heiden" gewesen waren – also auf jeden Fall keine Juden. Die jüdischen Gläubigen hielten überwiegend die vertrauten Gebote. Müssen die "Heidenchristen" das auch tun? Nein, stellten die Gemeindeleiter im sogenannten Apostelkonzil fest, sie müssen nicht alle Gebote halten. Aber damit die beiden Gruppen miteinander leben können, sollen die "Heidenchristen" einige wenige Gebote beachten; sie soll sich enthalten ...

 

vom Götzenopferfleisch und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht. (Apg 15,29)

 

Mal abgesehen von Unzucht geht es also um Fragen des Essens. Jüdische Gläubige und „Heidenchristen“ können gut miteinander umgehen, wenn die "Heidenchristen" diese wenigen Gebote beachten. Seit mir das aufgefallen ist, esse ich keine Blutwurst mehr. (Und Blutwurst ist auch auf norddeutschen Schlachteplatten eine selbstverständliche Zutat!)

 

Die Zehn Gebote sind ein Kompromiss, ein guter Kompromiss zwischen allen Geboten und gar keinen. An den zehn Geboten zeigt sich, wie wir allgemein mit Gottes Geboten, mit Gottes Wort umgehen. Die Gebote machen mir deutlich, wo ich versage, wo ich mir und anderen nicht gerecht werde. Das ist die bleibende Bedeutung der Gebote.

 

Aber schon die Zehn Gebote halte ich nicht alle, geschweige denn die anderen biblischen Gebote. Deshalb bin ich immer wieder erleichtert und dankbar, dass ich bei Gott angenommen bin, nicht weil ich die Gebote halte, sondern allein aus Gnade um Jesu Christi Willen.

 

Amen

"Wenn wir jetzt weitergehen" (EG 168,4)

Wir beten:

Herr, unser Gott. Seit Adam und Eva wissen wir, was gut und was böse ist. Aber wir tun auch viel Böses. Deine Gebote sollen dem guten Zusammenleben der Menschen dienen. Vor allem die Schwachen sollen sie schützen.

 

Wir wollen auf deine Gebote schauen, um deinen Willen zu erkennen.

 

Doch immer wieder müssen wir feststellen, dass wir die Gebote nicht halten können, nicht halten wollen.

 

Dann merken wir, dass wir aus eigener Kraft vor deinen Augen nicht bestehen können.

 

Doch du bist gnädig, du verurteilst uns nicht. Du schenkst uns deine Gnade, wenn wir auf Jesu Heilstat annehmen. Du erkennst uns an, auch wenn wir versagen.

 

Dafür danken wir und bitten dich: Öffne allen Menschen die Augen für dieses Geschenk, damit sie wie wir als Befreite leben können.

 

... wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

"Wir nehmen seine Worte und Taten mit nach Haus" (EG 168,5)

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit zuversichtlich in die kommenden Tage:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

 

Pfr. Matthias Ahrens