"Einfach mal liegenlassen?" - Gottesdienst zum 3. Gebot am 18.10.2020

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Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Bis Anfang November stehen die Zehn Gebote im Mittelpunkt der Gottesdienste in Neusatz-Rotensol (und Dobel).

 

In Stein gemeißelt - so werden die Zehn Gebote bis heute gern wahrgenommen. Auch nichtreligiöse Menschen kennen die Zehn Gebote und akzeptieren sie - wenigstens teilweise - als verbindliche Regeln. Für Konfirmanden sind die Zehn Gebote nach wie vor verbindlicher "Memorierstoff". Doch wie die Gebote zu verstehen sind, wie wir mit ihnen umgehen sollen und können, das erklärt sich nicht von allein.

 

Wir - Pfr. Peter Müller und Pfr. Matthias Ahrens - haben uns zwei Gebote und zwei Themen im Umgang mit den Geboten vorgenommen. Im zweiten Gottesdienst zur Predigtreihe geht es um das Dritte Gebot. Das lautet:

 

Du sollst den Feiertag heiligen.

 

... jedenfalls nach dem Kleinen Katechismus. Was das mit dem "Mensch ärgere dich nicht"-Spiel zu tun hat, erzählt Pfr. Ahrens in der Predigt unten ...

 

"Wohl denen, die da wandeln" (Evangelisches Gesangbuch 295,1)

Wir beten:

Herr, unser Gott, du schenkst uns Zeiten der Erholung und der Ruhe, damit Leib und Seele sich erneuern können. Jede Woche schenkst du uns den Sonntag. An diesem Tag zeigst du dich als Schöpfer und als Befreier.

 

Wir loben dich und preisen deine Gabe, wir sind fröhlich und dankbar.

 

Segne uns diese Zeit, durch unsern Herrn Jesus Christus, der mit dir und dem Heiligen Geist unser Leben erfüllt und begleitet in Ewigkeit.

 

Amen

"Von Herzensgrund ich spreche" (EG 295,2)

Einfach mal liegen lassen?

"No gambling on a sabbath", ich habe die scharfe Stimme der alten Dame noch im Ohr (wenn auch nicht mehr das Gesicht vor Augen). "No gambling on a sabbath" – "Kein Glücksspiel am Sabbath" … oder Sonntag. Worum ging es? An einem Sonntagmittag hatte ich einigen Bewohnern des Pflegeheims in Schottland, in dem ich vor vielen Jahren ein Praktikum absolvierte, … an einem Sonntagmittag hatte ich einigen Bewohnern vorgeschlagen, "Mensch ärgere dich nicht" zu spielen. Sie war strikt dagegen. "Kein Glücksspiel am Sabbath" auf "Mensch ärgere dich nicht" zu beziehen – das finde ich bis heute skurril.

 

„Kein Glücksspiel am Sabbath“ – so steht es nicht in der Bibel. Aber das 3. Gebot ist in der Bibel sehr viel länger als das kurze „Du sollst dein Feiertag heiligen“ im Kleinen Katechismus:

 

12 Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligst, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat.
13 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 14 Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du.
15 Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst. (Dtn 5)

 

So lang ist kein anderes Gebot. Unter den kurzen Weisungen wie „Du sollst nicht töten“ oder „Du sollst nicht stehlen“ sticht es deutlich hervor. Und warum das? „Stehlen“ und „töten“ sind in jeder Gesellschaft die Ausnahme. Aber das Sabbatgebot betrifft alle – nicht nur alle Menschen, sondern sogar die Nutztiere. Und es ist besonders schwer umzusetzen.

 

 

Man hört geradezu den Gedankengang: Den Sabbattag halten, nicht arbeiten? Na gut, sagt das Familienoberhaupt, an den die Gebote sich zuerst richten, dann lasse ich halt meine Familie arbeiten.

 

Nein: Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter …

 

Na gut, dann arbeiten eben die Sklaven und die Tiere.

 

Nein: Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht … dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, …

 

Nicht einmal den Fremdling soll man arbeiten lassen.

 

Doch egal, wie ausführlich die Regeln sind, egal, wer noch alles einbezogen wird – das Sabbatgebot ist besonders schwer umzusetzen. Es ist in bäuerlichen Gesellschaften schwer umzusetzen, zumal wenn die Ernte mal gerade so zum leben reichte. Es ist bis heute in der Landwirtschaft schwer umzusetzen. Denn das Vieh im Stall braucht auch am Sonntag Futter, das Milchvieh muss auch am Sonntag gemolken werden. Und wenn am Montag Regen droht, ist es sicher gut, das reife Kornfeld am Sonntag abzuernten.

 

Landwirtschaftliche Arbeiten (Malerei im Grab des Nacht; Theben West; um 1400 v.Chr.).

Auch in der neuzeitlichen Industrie gibt es Abläufe, die nur schwer für einen Feiertag unterbrochen werden können. Pflege in Alteneinrichtungen oder Krankenhäusern kann erst recht nicht für einen Tag ruhen. Und bei all dem habe ich noch nicht die Menschen aufgezählt, die an dem Wochentagen eine feste Arbeitsstelle haben und am Wochenende, auch am Sonntag ihren Weinberg oder den kleinen Acker bewirtschaften. "Einfach mal liegen lassen" geht also oft nicht.

 

Warum aber war die alte Dame auch dagegen, am Sonntag zu spielen? Weil sie zu einer Kirche gehörte, die das Sabbatgebot besonders ernst nimmt. Das zeigt sich schon darin, dass sie den Sonntag als "Sabbath", als Sabbat bezeichnen. Dieser Gemeinde geht es nicht nur darum, Arbeit sein zu lassen. Vielmehr sollen die Leute sich am Sabbat, am Sonntag allein mit Gott, vielleicht noch mit der Familie beschäftigen.

 

Wahrscheinlich ist schon aufgefallen, dass ich mal vom Sabbat, mal vom Sonntag spreche. Das Gebot im Alten Testament, in der Hebräischen Bibel bezieht sich ausdrücklich auf den siebenten Tag der Woche, den Sabbat. Den halten die Juden; er dauert – nach unserer Zeitrechnung – vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Sonnenuntergang am Samstag. Schon die ersten christlichen Gemeinden haben sich am Tag nach dem Sabbat getroffen, am ersten Tag der Woche, dem Tag, an dem Jesus auferstanden ist, an unserem Sonntag. Seither bezieht die christliche Kirche das Sabbatgebot auch auf ihren, auf unseren Feiertag, den Sonntag. Der Kleine Katechismus spricht noch allgemeiner vom "Feiertag".

 

Warum ist das Sabbatgebot überhaupt so wichtig? Die Bibel gibt zwei Antworten darauf. Im Deuteronomium oder 5. Buch Mose heißt es – wie ich vorgelesen habe:

 

Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht (besser: Sklave) in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat.

 

Wer Gottes Gebot befolgt, ist kein Sklave, muss nicht dauernd schuften. Wer Gottes Gebot befolgt, kann sich mal frei nehmen. Einen Tag lang sind wir Herr über unsere Arbeitszeit und nicht umgekehrt. Jeder Sabbat erinnert daran, dass Gott sein Volk in die Freiheit geführt hat.

 

Aber wie es die Zehn Gebote zweimal in der Bibel gibt, so gibt es auch eine zweite Begründung für den Sabbat. Im Buch Exodus oder 2. Buch Mose heißt es:

 

Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn. (Ex 20,11)

 

Die Schöpfung, wie die Bibel sie erzählt, war nach sechs Tagen mit der Erschaffung der Menschen komplett. Das war aber noch nicht alles: am siebenten Tag ruhte Gott. Die Schöpfung, also die Welt, wie wir sie kennen, schließt nicht mit den Menschen ab, sondern mit der Ruhe. Die Ruhe, der Ruhetag ist also die „Krone der Schöpfung“. Und wie die Menschen nach Gottes Bild geschaffen sind, so sollen sie auch nach Gottes Bild am siebenten Tag ruhen.

 

Aber es hilft alles nichts: Weil das Sabbatgebot alle betrifft, ist es besonders schwer umzusetzen. Da sind die Sachzwänge in Landwirtschaft, Industrie und in der Pflege. Aber auch wer frei hat, möchte am freien Tag gern etwas unternehmen. Deshalb sollten Busse und Bahnen fahren, deshalb sollten das Gasthaus oder das Schwimmbad oder das Kino doch besser geöffnet haben – und da müssen Leute arbeiten. Viele Leute möchten auch am Sonntag einkaufen gehen. Für sie ist das eine gute Gelegenheit, als Familie gemeinsam etwas zu unternehmen.

 

 

Weil das Sabbatgebot alle betrifft, ist daran – viel besser als am Verbot zu töten oder zu stehlen – auch unser Umgang mit den Geboten besonders gut zu besprechen. Schon die biblischen Worte des Gebots sollen jedes Schlupfloch verstopfen. Denk dir gar keinen Ausweg aus – es gilt umfassend für alle, will der Wortlaut signalisieren.

 

Die schottische Kirche, der die alte Dame angehörte, hat hier noch weiter gedacht. Nicht nur die Arbeit soll ruhen, auch das Spiel in der Familie, im geselligen Kreis. Der Sonntag, als "Sabbath" verstanden, soll allein dem Gottesdienst gehören.

 

Die Arbeit komplett ruhen lassen – das geht gar nicht, sagen andere. Das Sabbatgebot ist ein typisches Beispiel für eine weltfremde Religion. Ich kann die Arbeit gar nicht ruhen lassen, ich will es aber auch gar nicht. Ich will tun, was ich will und wann ich es will.

 

Deshalb ist es wohl ganz gut, sich die wenigen Worte aus dem Kleinen Katechismus zu merken (zu den Zehn Geboten siehe hier):

 

Du sollst den Feiertag heiligen.

 

Aber zugleich sollten wir im Sinn zu behalten, dass viel hinter diesen wenigen Worten steckt: die Vorstellung von einem komplett arbeitsfreien Tag für alle, weil die Ruhe den Abschluss der Schöpfung darstellt und weil Gott sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat.

 

Du sollst den Feiertag heiligen – Wie das gehen kann, müssen wir dann als einzelne, als Gemeinde und als Gesellschaft klären und ausprobieren. Immerhin ist in unserem Land der Sonntag als Tag der Arbeitsruhe gesetzlich geschützt ist. Das ist schon ein guter … Anfang – so alt das Gebot ist.

 

Amen

"Mein Herz hängt treu und feste" (EG 295,3)

Wir beten:

Du, unser Gott, hast geboten, den Sabbat zu heiligen. Einen Tag in der Woche sollen wir nicht arbeiten, wir nicht und auch nicht die um uns.

Wir danken dir und bitten dich:

Schenk uns die Freude an deinem Gebot und die Phantasie, den Zwängen der Arbeit zu entkommen.

 

Du, Gott, hast uns geboten den Sabbat zu halten, weil auch du am siebten Schöpfungstag geruht hast.

Wir danken dir und bitten dich:

Schenk uns die Freude an deinem Gebot und eine gelassene Freude an deiner Schöpfung.

 

Du, Gott, hast uns geboten den Sabbat zu halten, weil du dein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hast.

Wir danken dir und bitten dich:

Gib uns Augen für die Abhängigkeiten in unserer Welt und halt in uns die Sehnsucht nach Freiheit wach. Nicht nur auf deine Gebote wollen wir trauen, sondern auch auf deine Verheißung, uns frei zu machen.

 

Weil dein Sohn Jesus Christus am ersten Tag der Woche auferstanden ist, feiern wir den Sonntag.

Wir danken dir und bitten dich:

Lass uns auch am Sonntag nicht vergessen, dass du als Schöpfer und als Befreier den Sabbat geschaffen hast.

 

... wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

"Dein Wort, Herr, nicht vergehet" (EG 295,4)

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit zuversichtlich in die kommenden Tage:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

 

Pfr. Matthias Ahrens