"Befreit handeln" - Gottesdienst zum 1. Gebot am 11.10.2020

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Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Ab jetzt stehen an vier Sonntagen die Zehn Gebote im Mittelpunkt der Gottesdienste in Neusatz-Rotensol (und Dobel).

 

In Stein gemeißelt - so werden die Zehn Gebote bis heute gern wahrgenommen. Auch nichtreligiöse Menschen kennen die Zehn Gebote und akzeptieren sie - wenigstens teilweise - als verbindliche Regeln. Für Konfirmanden sind die Zehn Gebote nach wie vor verbindlicher "Memorierstoff". Doch wie die Gebote zu verstehen sind, wie wir mit ihnen umgehen sollen und können, das erklärt sich nicht von allein.

 

Wir - Pfr. Peter Müller und Pfr. Matthias Ahrens - haben uns zwei Gebote und zwei Themen im Umgang mit den Geboten vorgenommen. Es geht los mit dem Ersten Gebot:

 

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.

 

... jedenfalls nach dem Kleinen Katechismus. Dass das Gebot in der Bibel länger ist, führt Pfr. Peter Müller in der Predigt (siehe unten) aus ...

"Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun" (Evangelisches Gesangbuch 497,1)

Erhalte mich, Herr, durch dein Wort, dass ich lebe - Wir beten mit Worten von Psalm 119

Wohl denen, die ohne Tadel leben,

die im Gesetz des Herrn wandeln!

Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten,

die ihn von ganzem Herzen suchen,

die auf seinen Wegen wandeln

und kein Unrecht tun.

Wenn ich schaue allein auf deine Gebote,

so werde ich nicht zuschanden.

Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen,

dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit.

Deine Gebote will ich halten;

verlass mich nimmermehr!

Öffne mir die Augen,

dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.

Zeige mir, Herr, den Weg deiner Gebote,

dass ich sie bewahre bis ans Ende.

Meine Seele verlangt nach deinem Heil;

ich hoffe auf dein Wort.

Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort

und sagen: Wann tröstest du mich?

Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre,

so wäre ich vergangen in meinem Elend.

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte

und ein Licht auf meinem Wege.

Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe,

und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.

Stärke mich, dass ich gerettet werde,

so will ich stets Freude haben an deinen Geboten.

 

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,
wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Amen

"Es steht in keines Menschen Macht" (EG 497,2)

"Befreit handeln" (Das Erste Gebot)

Liebe Gemeinde!

 

An diesem und den nächsten Sonntagen soll es im Gottesdienst um Texte gehen, die Sie alle kennen. Wir werden uns mit den 10 Geboten beschäftigen. Das ruft sicher kein besonderes Erstaunen bei ihnen hervor. Die 10 Gebote gehören zu den Grundtexten der Bibel und des christlichen Glaubens. Wenn man Konfirmanden oder ihre Eltern fragt: Was sollen denn die Konfirmanden wohl kennen – nach dem Konfirmandenunterricht, dann kommt mit Sicherheit die Antwort: das Vater Unser, das Glaubensbekenntnis und eben die Gebote. Bei den anderen Dingen ist man sich dann schon nicht mehr so einig, aber bei diesen dreien doch. Die Gebote gehören ohne Frage dazu.

 

Mose mit den 10 Geboten von Christian Scheuffele an der Gaisburger Kirche, Stuttgart

Für mich gehören sie schon seit den Tagen des Kindergottesdienstes und der Grundschule dazu. Da gab es ein Buch, das hieß "Schild des Glaubens". Darin waren viele biblische Geschichten für Kinder zusammengestellt und vieles war auch bebildert, ein Vorläufer der vielen Kinderbibeln, die es heute gibt. Ein Bild war auch darin von Mose, wie er vom Berg Sinai herunterkommt, die Gesetzestafeln unter dem Arm; sein Kopf strahlte noch von der Gegenwart Gottes auf dem Berg. Am Fuß des Berges sah er dann das Volk, das gerade das selbstgemachte Stierbild als Gott anbetete. Und ich glaube, wenn ich mich recht erinnere, auf der nächsten Seite war noch ein Bild, darauf warf Mose voller Zorn die beiden Tafeln gegen einen Felsen, dass sie in tausend Stücke zerbrachen. Während Mose mit Gott spricht, ist das Volk schon dabei, die Gebote zu brechen, so schnell geht das.

 

Solche Bilder haben meine Sicht der Gebote geprägt, und ich bin sicher, nicht nur meine. lm Hintergrund stand Mose, der vor Zorn die Gesetzestafeln an den Felsen schmiss – und er war nur ein Hinweis auf den Zorn Gottes selbst, wenn seine Gebote übertreten wurden, übertreten werden. Der erhobene Zeigefinger gehört zu den Geboten – und wenn der allein nicht reicht, dann auch die strafende Hand. So war es denn auch kein Wunder, dass in der Geschichte des abtrünnigen Volkes immer wieder der zornige, der zürnende, der strafende Gott da war. Nicht nur in der Geschichte des Volkes Israel. Auch in der individuellen Lebensgeschichte, in ihrer und meiner hat vermutlich dieser strafende Gott seinen Platz. Die Gebote – sind sie nicht eigentlich ein Gesetz, das ich zu halten habe? Und wenn ich es nicht halte, dann drohen Sanktionen, dann droht Strafe, so ist das. Mit jedem Gesetz ist da so.

 

Ich frage mich heute nur: Wenn das tatsächlich so ist, kann ich dann wirklich über die Gebote – nicht nur reden, einen Vortrag halten, sondern predigen? Ich predige ja z.B. auch nicht über das Bürgerliche Gesetzbuch oder die Straßenverkehrsordnung, und auch nicht über den neuen Bußgeldkatalog mit seinen umstrittenen Regelungen, obwohl ja dessen bloße Existenz schon eine Art Gardinenpredigt ist. Natürlich müsste man reden über dieses Gesetz der 10 Gebote, man müsste sie auslegen, einschärfen vermutlich, da ihre Kenntnis auch bei den Kirchentreuen nachlässt, auch anwenden natürlich auf die Übertreter, alles klar - aber kann man über die Gebote auch predigen, also eine gute, hoffentlich frohmachende, eine segensvolle Botschaft verkünden, vielleicht hart, da und dort, aber doch voller Hoffnung? Sollte man, wenn denn die Gebote ein Gesetz sind, nicht das Predigen lassen und stattdessen das Recht bemühen?

 

Sie können sich natürlich denken, dass ich nicht dieser Meinung bin, sonst würde es ja wohl kaum eine Reihe geben mit Predigten zu den Geboten. Aber warum das nicht so ist, das mit Gebot und Gesetz, oder positiv gewendet, was es denn nun mit dem Gebot auf sich hat, das ist schon des Nachdenkens und der Beobachtung wert.

 

Ich will einen kleinen Gang durch das Alte Testament mit Ihnen machen. Wir gehen dabei nicht gleich zu den Mosebüchern, in denen die 10 Gebote stehen. Wir machen Umwege. Zuerst zum Buch Josua. Josua ist der Nachfolger des Mose. Er führt nach 40 Jahren in der Wüste, und nachdem Mose schon gestorben ist, das Volk nun ins gelobte Land. Aber er kann das nur, indem er an dem festhält, was Mose dem Volk mitgab, indem er festhält an den Geboten, an der Weisung Gottes. Am Anfang des Josuabuches steht dazu ein ganz wichtiger Text. Ich lese Ihnen einen Abschnitt aus dem 1. Kapitel vor:

 

Sei getrost und unverzagt. Du sollst deinem Volk das Land geben, wie ich den Vätern geschworen habe. Sei nur getrost und unverzagt, dass du in allen Dingen tust nach dem Gesetz, das dir mein Knecht Mose gegeben hat. Weiche nicht davon und lass das Gesetz ... nicht von deinem Mund kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht. Dann werden dir deine Wege gelingen und du wirst alles recht ausrichten. Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht. Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

 

Es fällt Ihnen sicher schon beim Hören auf, wie oft hier steht: Sei getrost, sei unverzagt; und sogar: ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Es steht auch da: Gott ist bei dir, wenn du deine Wege gehst. Die Gebote gehören offenbar eng zusammen mit einem Versprechen Gottes. Es geht nicht um ein anonymes Gesetz. Vielmehr verspricht Gott selbst seine Nähe da, wo die Gebote gehalten werden. Es geht um eine Beziehung zwischen Gott und den Menschen, und wo diese Beziehung glückt, wo Gott den Menschen nah ist und die Menschen Gott, da gehören auch die Gebote dazu. Sie sind verbunden mit einem Versprechen.

 

Ich will noch einen anderen Umweg machen, ein weiterer Text aus dem Alten Testament. Diesmal einige Verse aus dem langen Psalm 119 (89ff):

 

Herr, dein Wort bleibt ewig, so weit der Himmel reicht. Deine Wahrheit währt für und für. Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend. Ich will deine Gebote nimmermehr vergessen, denn du erquickst mich damit. Ich bin dein, so hilf mir ... Ich habe gesehen, dass alles ein Ende hat, aber dein Gebot bleibt bestehen. Wie habe ich dein Gesetz so lieb, täglich sinne ich ihm nach. Und auch hier: keineswegs Gesetz, wie wir's verstehen, also Strafe und Bußgeld und Gefängnis bei Übertretung. Sondern Trost und Erquickung und sogar der Satz: ich habe dein Gesetz lieb. Da haben Gesetz und Gebot einen ganz anderen Klang, nicht erhobener Zeigefinger, sondern auch hier Ausdruck der Nähe Gottes.

 

Das halten wir fest, wenn wir nun zum ersten Gebot selbst kommen, so wie es im zweiten Buch Mose im 20. Kapitel steht. Im Alten Testament gibt es freilich keine Zählung der Gebote, so wie wir sie kennen. Wir nehmen die ersten Verse:

 

Und Gott sprach: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

 

So steht es tatsächlich da. Die Älteren von Ihnen, die den kleinen Katechismus Luthers auswendig gelernt haben, die kennen's vielleicht noch ein wenig anders. Da fehlt der eine halbe Satz von Ägypten und der Knechtschaft. Luther hat ihn aus verschiedenen Gründen im Katechismus weggelassen. Aber im Alten Testament steht er da - und: er ist ganz wichtig. Denn in diesen beiden halben Sätzen: Ich bin der Herr, dein Gott, und: Ich habe dich aus der Knechtschaft befreit, steckt eine für alle Gebote zentrale Aussage drin. Es steckt drin, dass die Gebote nicht einfach eine menschliche Übereinkunft darstellen. Ihr Anspruch kommt von Gott. Schon ihre einfache, zupackende, klare Sprache zeigt: Da geht es nicht um Eventualitäten und erst recht nicht um Hintertürchen, durch die man sich vor der Verantwortung zurückziehen könnte. Es heißt nicht: in dem und jenem Einzelfall ist dies oder das besonders zu berücksichtigen. Es heißt nicht: Beim Töten oder beim Raub muss man verschiedene Formen unterscheiden und es kommt ganz darauf an, welche man dir zur Last legt – so wie es gerade jetzt im Prozess um den Überfall auf den Lebensmittelmarkt in Dobel und Herrenalb vor zwei Jahren um die Frage geht, ob das "räuberische Erpressung" oder "schwerer Raub" war. Das ist eine Frage für das Gesetzbuch. Im Mosebuch ist die Sprache viel einfacher, aber auch viel drängender: Du sollst nicht töten! Und beim Stehlen geht es nicht um schweren Raub oder einfachen oder vielleicht nur um Mundraub, sondern ganz grundlegend um die Achtung vor jedem Eigentum eines anderen.

 

von Käthe Schaller-Härlin, Gaisburger Kirche

Und noch etwas ist wichtig und Ihnen vielleicht auch schon aufgefallen: In den zehn Geboten ist kaum einmal von einer Strafe die Rede. Es heißt eben nicht: Wenn du das und das tust, wird man folgendes mit dir machen ... Es heißt viel einfacher, aber auch viel umfassender: Du sollst; Du sollst nicht. Eigentlich müsste man sogar eher übersetzen: du stiehlst, du tötest nicht, du lügst nicht. Das kommt für dich nicht in Frage. Für Details ist da gar kein Platz. In diesen Sätzen geht es wirklich um’s Prinzip.

Der erste, grundlegende Satz aber, der vor allem "Du sollst" steht, heißt: Ich bin. Ich bin der Herr, dein Gott - und das heißt zugleich: Nicht irgendein Gott, ein unbekannter, sondern einer, der mitgeht, und wenn es selbst die Wüste ist; einer der befreit, und wenn es selbst die Sklaverei ist; einer, dem seine Menschen am Herzen liegen, selbst wenn die nur allzu oft Gott vergessen und ihre eigenen Wege gehen

Das ist der Grund, weshalb im Alten Testament vom Trost die Rede ist, den das Gesetz gibt. Sie haben den Satz noch im Ohr: Ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Vielleicht kann man sogar so übersetzen, auch wenn das sicher nicht wörtlich ist: Ich habe dir Gebote gegeben. Daran kannst Du sehen, dass Du mir wichtig bist und dass ich bei dir bin. Deshalb lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht. Die Gebote sind Ausdruck einer guten Beziehung zwischen den Menschen und Gott. Und wem an dieser guten Beziehung zu Gott liegt, der wird auch auf die Mitmenschen achten; der kann nicht hingehen und seinem Nächsten etwas stehlen, und ihm auch nichts abluchsen und ihn auch nicht über's Ohr hauen. Es geht ja um's Prinzip. Schlechte Beziehungen zu Menschen wirken sich aus auf unser Verhältnis zu Gott.

 

Gebote, liebe Gemeinde. – Für diesen Sonntag reicht es schon, wenn wir dies nur erkennen: Sie sind nicht drückendes Gesetz über unseren Häuptern. Sie sind ein Angebot dessen, der mitgeht. Nicht erhobener Zeigefinger, sondern ausgestreckte Hand – für ein gelingendes Leben. Das ist der Sinn der Gebote. Und zugleich der Grund, aus dem heraus Pfr. Ahrens und ich darüber predigen können, nicht nur einen Vortrag halten.

"Gib mir Verstand aus deiner Höh" (EG 497,5)

Wir beten, wie Jesus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit zuversichtlich in die kommenden Tage:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

 

Pfarrer Peter Müller