An Befreiung erinnern - Gottesdienst am 15.11.2020

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Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres ist zugleich Volkstrauertag. Wir gedenken der Opfer von Krieg und Gewalt – bei uns im Ort wie auch in der Welt. In diesem Jahr steht ein Jubiläum, nämlich das Ende des 2. Weltkriegs vor 75 Jahren, im Mittelpunkt.

 

Anfang Oktober habe ich mit Bürgermeister Schaack und den Ortsvorstehern Neusatz und Rotensol die Gestaltung von Gottesdiensten und Gedenkfeiern abgestimmt. Wegen der Corona-Kontaktbeschränkungen in diesem Monat finden die Feiern der Kommunen nur sehr eingeschränkt statt.

 

Dieser Gottesdienst kann und will die kommunalen Feiern nicht ersetzen. Aber in diesem Gottesdienst werden wir 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs der Opfer von Krieg und Gewalt gedenken.

 

Als Christenmenschen schauen wir in die Bibel. Das Gedenken an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten spielt darin eine große Rolle. Was können wir davon lernen?

"Als Israel in Ägypten war" (Evangelisches Gesangbuch 603,1)

Wir beten:

Herr, unser Gott, vor dir müssen wir verantworten, was wir tun und lassen. Rechne uns nicht an, was wir verfehlt haben, denke an dein Erbarmen und rette uns zum ewigen Leben.

 

In Jesus Christus hast du Frieden gestiftet. Wir sehnen uns nach diesem Frieden, nach Gerechtigkeit und erfüllter Gemeinschaft. Gib uns die Kraft, mit dieser Sehnsucht auch selbst etwas für den Frieden zu tun.

 

Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, unsern Herrn.

 

Amen

"Gott will’s, sprach Moses vor dem Thron" (EG 603,2)

An Befreiung erinnern

Kaum hatte ich zum hohen Geburtstag gratuliert, fing der Jubilar an zu erzählen: Wie er, frisch konfirmiert, in den letzten Kriegstagen noch zum Volkssturm eingezogen wurde, wie er mit einigen anderen Jungs dann in der Nacht ausrückte und sich durch den Wald und über die Berge nach Hause durchschlug – immer auf der Hut vor Patrouillen der Wehrmacht. Wie er sich zu Hause versteckte und froh war, als mit dem Einmarsch der französischen Truppen die Gefahr für ihn vorbei war. (Zwei Tage nach diesem Besuch wurden die Jugendlichen in Dobel konfirmiert; der Mann war damals in ihrem Alter – unglaublich!) Ich spürte, wie diese Erlebnisse den alten Herrn bis heute beschäftigen. Aber ich hörte die Geschichte auch zum ersten Mal. "Ach Papa", sagte dagegen die Tochter, "das hast Du doch schon tausendmal erzählt". Und ich kann auch sie verstehen.

 

Gedenkkreuz in Dobel

Ja, die Kriegserlebnisse haben meine Elterngeneration – so in den 1930er Jahren geboren – tief geprägt. Auch meine Mutter erzählt bis heute davon. Wie ihr Bruder sich freiwillig mit 17 zur Wehrmacht gemeldet hat. Von den Nächten im Luftschutzkeller. Aber für uns Nachgeborene sind die Erzählungen alte Hüte, tausendmal gehört. Und die toten Soldaten, deren Namen wir auf den Kriegerdenkmälern lesen, sind noch einmal älter als die Elterngeneration, zehn bis dreißig Jahre älter. Wir kennen die Familiennamen; aber nicht mehr die Personen dahinter, auch ihre Altersgenossen sind lange tot. Wie kann da Gedenken aussehen?

 

75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs können wir froh und dankbar auf diese lange Friedenszeit in unserem Land zurückblicken. Selbst viele alte Menschen hierzulande haben bewusst keinen Krieg erlebt, höchstens die Not der Nachkriegszeit erfahren.

 

Aber wenn wir genau hinschauen auf den Krieg, der vor 75 Jahren zu Ende ging, wird es schwierig. War das Kriegsende Niederlage oder Befreiung? Was war das für ein Krieg? Wie waren die Mitglieder unserer Familien daran beteiligt? Haben sie einfach "ihre Pflicht getan", wie es oft heißt, oder mehr ? Und was war das für eine Pflicht? Waren sie freiwillig dabei, wie mein Onkel? Wie war das mit den Verbrechen der Wehrmacht? Auf diese Fragen gibt es keine allgemeinen Antworten. Für die einen war es die tiefe Niederlage, für andere – und nicht nur für KZ-Häftlinge, überhaupt Gefangene und Zwangsarbeiter – eine Befreiung. Die einen haben begeistert für "Führer und Vaterland" gekämpft, andere widerwillig, wieder andere waren gefangen. Wie kann da gemeinsames Gedenken aussehen?

 

Ehrenmal in Rotensol

Als Christenmenschen schauen wir in die Bibel. Gedenken, gemeinsames Gedenken spielt darin eine große Rolle. Ein zentrales Ereignis ist der Auszug aus Ägypten. Sie alle kennen die Geschichte: Das Volk Israel lebt in Sklaverei, sie müssen schuften für die Bauten des Pharao; ständig wird der Akkord erhöht. Männliche Babys der Hebräer – so nennen die Ägypter sie – sollen getötet werden. (Dem Ungehorsam einer Hebamme verdankt Mose das Überleben!) Im Auftrag Gottes geht Mose zum Pharao und fordert: Lass mein Volk ziehen! Erst nachdem schreckliche Plagen über Ägypten gekommen sind, gewährt der Pharao dem Volk die Freiheit. Überhastet ziehen die Israeliten los. Da bereut der Pharao seine Erlaubnis und schickt schnelle Truppen hinter ihnen her. Das Volk Israel kann sich durch das Rote Meer in die Wüste retten, die Soldaten hinter ihnen ertrinken. Gott hat sein Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten befreit. Das Gedenken an den Auszug durchzieht die ganze Bibel.

 

Aber daneben sind immer wieder andere Stimmen zu hören, kritische Stimmen. Kaum ist das Volk trockenen Fußes durch das Meer gekommen, kaum sind sie in der Wüste, da geht es los. Leute fangen an – wie es in unserer Bibel heißt – zu "murren". Vor allem beklagen sie sich über die karge Kost. Sie beschweren sich: Hast du, Mose, uns aus Ägypten geführt, damit wir hier in der Wüste verhungern und verdursten? Alles war nicht schlecht in Ägypten, sagen sie, immerhin haben wir täglich eine warme Mahlzeit gehabt. Einige sehnen sich zurück nach "den Fleischtöpfen Ägyptens" (die sind bis heute sprichwörtlich). Einige sehnen sich zurück nach den schönen goldenen Götterbildern dort. So bald sie können, bauen sie selbst so ein Götterbild (das goldene Kalb). Was wir erlebt haben: War das wirklich eine Befreiung? Oder sind wir einem Gruppenzwang gefolgt?, fragen sie. Wirklich Grund zur Flucht hatte doch nur Mose; der hat schließlich einen Aufseher erschlagen … Und diese Stimmen verstummen nicht; sie sind über die ganzen Jahre der Wüstenwanderung zu hören. Weder die Erfüllung der Wünsche (die Versorgung mit Manna und Wachteln) noch die Bestrafung der Rädelsführer bringen auf Dauer Ruhe.

 

Schließlich haben sich aber doch die durchgesetzt, die den Auszug aus Ägypten als Befreiung verstehen. Schließlich ist der Auszug zu einem zentralen Ereignis des Volkes Israel geworden. Die Zehn Gebote sind mit dem Auszug verknüpft:

 

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. (Ex 20,2)

 

Das Gebot den Sabbat, den Feiertag zu heiligen, ist damit verknüpft:

 

Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat (Dtn 5,15)

 

Schließlich haben sich die durchgesetzt, die den Auszug aus Ägypten als Befreiung verstehen. Liegt es daran, dass ein attraktives Fest das Gedenken begleitet? Das Passafest hält bis heute die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten wach. Wenn die Kinder beim Fest nach den religiösen Bräuchen der Familie fragen, antworten die Eltern: (Dtn 6,21.24)

 

Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; … Und der HERR hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun

 

Den Auszug aus Ägypten als Befreiung zu verstehen, hat sich durchgesetzt. Aber die anderen Stimmen sind immer noch zu hören. Diejenigen, die die Bibel aufgeschrieben haben, haben sie nicht herausgestrichen, nicht unter den Tisch fallen lassen. Bis heute können alle nachlesen, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Dieses "Murren der Kinder Israel", die kritischen Stimmen hat etwa der Philosoph Ernst Bloch gern hervorgehoben.

 

Kriegerdenkmal in Neusatz

Und noch etwas erinnert mich an diesem Volkstrauertag an den Auszug aus Ägypten: Die Bibel verschweigt nicht die Gewalt, die mit der Befreiung einherging. Es beginnt ja damit, dass Mose einen Ägypter erschlägt. Die Plagen treffen Ägypten hart. Erst der Tod aller Erstgeborenen bewegt den Pharao, Israel freizugeben. Im Meer ertrinkt eine ganze Armee. Das ist kein Sonntagsspaziergang. Wie wohl die Ägypter den Auszug geschildert hätten?

 

Auch heute: Wenn wir an Befreiung erinnern, müssen wir nichts schönreden. Dann sprechen wir auch die Gewalt an, die der Befreiung vorausging, also den Krieg gegen Deutschland. Dann gedenken wir auch der vielen Opfer des Kriegs und der Verfolgungen in aller Welt. Wir müssen nichts schönreden. Wir können auch die Gewalt ansprechen, die die Menschen hierzulande erlebten. Dann trauern wir um die Soldaten aus unseren Familien, aus unsern Orten, aus unserem Land. Dann hören wir die Klage all derer, die im Laufe des Kriegs und danach aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Aber wir verdrängen auch nicht ihre Schuld.

 

Wir tun all das im Vertrauen auf den Gott, der sein Volk in die Freiheit führt und alle Menschen in seinen Segen hineinnimmt. Wir tun das im Vertrauen auf Jesus Christus, der die Schuld der Menschen trägt und Vergebung ermöglicht. Und wir tun das im Vertrauen auf den Geist Gottes, der Verständigung schenkt und Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft zusammenführt. So gedenken wir aller Opfer von Krieg und Gewalt 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs.

 

Amen

"Genug der Knechtschaft, Last und Fron" (EG 603,3)

Wir beten mit den Worten des Versöhnungsgebets von Coventry:

Wir alle haben gesündigt und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten. Darum lasst uns beten:

  • Vater, vergib.

Den Hass, der Volk von Volk trennt, Klasse von Klasse -

  • Vater, vergib.

Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist -

  • Vater, vergib.

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet -

  • Vater, vergib.

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen -

  • Vater, vergib.

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge -

  • Vater, vergib.

Die Sucht nach dem Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet -

  • Vater, vergib.

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen, nicht auf Gott -

  • Vater, vergib.

Lehre uns, o Herr, zu vergeben und uns vergeben zu lassen, dass wir mit dir und miteinander in Frieden leben.

 

Darum bitten wir um Christi willen: Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

 

... wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

"Und Gott wies Mose Weg und Zeit" (EG 603,4)

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit zuversichtlich in die kommenden Tage:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

 

Pfr. Matthias Ahrens