Andacht am Altjahrsabend 2020

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Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Meine Zeit steht in deinen Händen. (Ps 31,16)

 

Im Gottesdienst am Altjahrsabend will ich in Ruhe auf das Jahr zurückblicken. Nicht an alles, das mir in den Sinn kommt, erinnere ich mich gern: Sei es, weil ich Leid erlebt habe, sei es, weil ich anderen Leid zugefügt habe.

 

Normalerweise feiern wir in diesem Gottesdienst das Heilige Abendmahl; an diesem Abend bekommt das Sündenbekenntnis eine besondere Bedeutung – dann aber auch der Zuspruch der Sündenvergebung.

 

Vom Gottesdienst am Altjahrsabend erwarten wir keine neuen, aufregenden theologischen Erkenntnisse. Es reicht, wenn der Pfarrer Raum für unsere Gedanken eröffnet.

 

DAS Lied zum Jahreswechsel ist Dietrich Bonhoeffers "Von guten Mächten", Ende 1944 im Gefängnis geschrieben als Gruß an die Familie. An den Strophen, an einigen Strophen können wir entlangdenken, können wir auf unser Jahr zurückblicken.

 

Nein, wir schunkeln nicht ins neue Jahr mit der bekannten Melodie von Siegfried Fietz:

Der Rückblick auf das abgelaufene Jahr, die Frage, was – besser: wer uns in den schwierigen Zeiten getragen hat, Hoffnungen und auch Befürchtungen für die Zukunft – all das passt besser zu der Melodie von Otto Abel. Da wechseln der zwei Halbe- und der drei Halbe-Takt ab - so unregelmäßig ist das Leben; da ist die Schlussstrophe kein Refrain - es wiederholt sich nicht einfach alles.

 

Wer diese Melodie nicht kennt, kann sie im Internet nachhören (hier). Allerdings habe ich unter all den vielen Videos keins gefunden, das das Lied mit dieser Melodie komplett wiedergibt.

"Von guten Mächten treu und still umgeben" (Evangelisches Gesangbuch 65,1)

Diese erste Strophe eröffnet einen Raum, spricht den Raum an, in dem wir leben, mit den Menschen, mit denen wir leben: Familie, Nachbarn, Freunde und Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen.

 

Gut geht es denen, die das mit Ernst sagen können: Ich bin von guten Mächten umgeben, ich bin wunderbar behütet und getröstet.

 

Kann ich das? Kann ich das leider nicht?

 

Jetzt ist die Zeit, das zu bedenken ...

"Noch will das alte unsre Herzen quälen" (EG 65,2)

Die "schwarzen Raben" - so nennt meine Mutter es - kommen in der Nacht und quälen uns. Das "alte" kann aus dem letzten Jahr sein, kann uns aber auch schon viel länger bedrücken. Wie lange liegen sie zurück, die "bösen Tage"? Und doch komme ich nicht darüber hinweg.

 

Wollen wir ewig mit diesem Druck leben? Geht das nicht irgendwann einmal vorbei?

 

Der Rückblick ist eine Qual, bleibt eine Qual, wenn wir keinen Ausweg wissen. Bonhoeffer weist die Richtung:

 

Ach Gott, gib du unsern aufgescheuchten Seelen ...

 

Jetzt ist die Zeit, das "alte" zu bedenken und um Ruhe zu bitten ...

Als Dietrich Bonhoeffer dieses Gedicht schrieb, saß er schon seit mehr als eineinhalb Jahren im Gefängnis. Spätestens nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 – bis zur Verhaftung hatte er zu den Verschwörern gehört – war seine Lage aussichtslos.

 

Wenn Bonhoeffer also vom "Kelch des Leids" schreibt oder ankündigt "und dann gehört dir unser Leben ganz", dann tut er das als jemand, dem die Hinrichtung bevorsteht. Mir fällt es schwer, in diese Worte einzustimmen. Deshalb lasse ich die Strophen 3 und 4 aus.

"Lass warm und hell die Kerzen heute flammen" (EG 65,5)

Die Zeit zwischen Weihnachten und dem Jahreswechsel muss nicht besinnlich sein, muss nicht harmonisch sein. Da sind Familien getrennt - aus welchen Gründen auch immer. Da können vertraute Menschen nicht zusammen feiern - in diesem Jahr wegen der Kontaktbeschränkungen angesichts der Corona-Pandemie.

 

Aber das ist nicht so, wie es sein soll. Wärme und Licht, warm und hell - das soll sein, so soll es sein.

 

Jetzt ist Zeit, an die entfernten Lieben zu denken und um Wärme und Licht zu bitten ...

"Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet" (EG 65,6)

Die Stille, von der Bonhoeffer spricht, ermöglicht das genaue Hinhören. Wer still ist, kann "jenen vollen Klang" hören.

 

Es gibt auch eine Stille, vor der ich mich fürchten muss; denn ich höre nichts. Allein meine Gedanken rasen durch den Kopf. Ich finde die Ausfahrt aus diesem Kreisel nicht. Ich kann mich auf nichts, auf niemand anderes konzentrieren! Wann geht diese Stille endlich vorüber?

 

Hier hören wir die Verheißung: Die unsichtbare Welt, die die Stille erschließt, ist voller Klang, sogar voller Lobgesang!

 

Jetzt ist Zeit zu lauschen, auf den vollen Klang der unsichtbaren Welt zu hören ...

"Von guten Mächten wunderbar geborgen" (EG 65,7)

Eben Abschluss, Zusammenfassung, nicht Refrain beginnen mit den bekannten Worten "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Nach dem Blick um mich herum, nach der Erinnerung an das quälende Alte, nach der Hoffnung auf Vereinigung mit den Lieben, nach dem Lauschen auf die weite Welt um uns, die in der Stille hörbar wird ... nach all dem bestätigt die letzte Strophe: Ja, wir sind von guten Mächten geborgen. Derart behütet, kann sogar Dietrich Bonhoeffer dem, was kommt, ins Gesicht sehen.

 

So steht am Ende des Rückblicks auf das vergehende Jahr die Gewissheit, mit der wir ins neue Jahr gehen können. Sicher wird auch das Probleme und Krisen bringen - noch weiß ja niemand, wann die Corona-Krise überwunden sein wird. Doch wer mit dieser Gewissheit geht, muss sich nicht fürchten:

 

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

Amen

Wir beten:

Barmherziger, treuer Gott,
wir schauen auf dieses Jahr zurück.
Ein Virus hat unser Leben verändert.
Was zuvor vertraut war, mussten wir aufgeben.
Wir waren in Sorge um unsere Lieben.
Wir haben täglich von Infizierten und Toten gehört.
Wir haben uns nicht an die täglichen Zahlen gewöhnt.
Wir sind erschöpft.

 

Du aber warst bei uns, barmherziger, treuer Gott,
wir legen dieses Jahr in deine Hände zurück.

Nimm auf dein Herz die Trauer um die Tausenden Toten.
Nimm auf dein Herz die Schmerzen.
Lass die Liebe dieses Jahres weiter blühen.
Lass die Furcht dieses Jahres vergehen.

 

Du aber warst bei uns, barmherziger, treuer Gott,
wir legen dieses Jahr in deine Hände zurück.
Menschen, die wir zuvor nicht kannten, wurden uns wichtig.
Wir sind dankbar für die Berührungen, die möglich waren.
Wir sind dankbar für die Hilfe, die wir erfahren haben.
Wir sind dankbar für die Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Wir sind dankbar für die Musik.

 

Du aber bist bei uns, barmherziger, treuer Gott,
wir legen dieses Jahr in deine Hände zurück.
Mach das Glück dieses Jahres groß,
mach das Dunkel hell,
und segne deine Welt
durch Jesus Christus,
derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.

 

... wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit zuversichtlich in die kommenden Tage:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

Pfarrer Matthias Ahrens