"... meinen geringsten Schwestern" - Gottesdienst am 6.9.2020

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Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

In Rotensol taufen wir ein kleines Kind (mal sehen, ob die Plätze nach Corona-Regeln reichen). Das strahlt auch auf den Gottesdienst in Dobel aus. Die Eltern und Paten werden fragen: Was können wir von der Kirchengemeinde, der Gemeinde Jesu Christi erwarten? Die kleine Lina wird das später fragen. Eine Antwort auf die Frage versuche ich in der Predigt über einen Abschnitt aus der Apostelgeschichte des Lukas (siehe unten).

 

Die Antwort nimmt natürlich das Jesuswort aus dem Wochenspruch auf:

 

Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)

 

Heute finde ich die Zeit, den Gottesdienst in Internet zu stellen und für die Verteilung auszudrucken. Dass das auch in den kommenden Wochen möglich sein wird, bin ich skeptisch ...

"Wo ein Mensch Vertrauen gibt" (Evangelisches Gesangbuch 638,1)

Wir beten:

Wir suchen dich, Gott, am Morgen eines jeden Tages. Wir suchen dich mit dem Licht der heller werdenden Sonne.

 

So wollen wir lernen, dich zu finden in denen, die neben uns sind, ob sie im Licht oder im Schatten stehen.

 

Du, Gott, schenkst uns neues Leben und Geborgenheit bei dir. Lass uns treu bleiben, bis wir ans Ziel kommen in deinem Reich.

 

Durch Jesus Christus, unseren Herrn.

 

Amen

"Wo ein Mensch den andern sieht" (EG 638,2)

"... meinen geringsten Schwestern getan"

Ein Jesuswort haben wir als Wochenspruch gehört, bei der Taufe in Rotensol hören wir weitere Worte Jesu aus dem Neuen Testament. Wir haben Bilder im Kopf von Jesus mit seinem Jüngern, auf dem Weg von Galiläa durch Judäa nach Jerusalem, Jesus, der heilt und sättigt und Gottes Wort verkündigt. Aber was hat das mit uns zu tun, uns hier in Dobel/ Rotensol. Was haben die Berichte über Jesu Auftreten, was haben seine Worte mit uns zu tun? … Diese Frage stellen nicht erst wir uns. Darum geht es auch im größeren Teil des Neuen Testaments. Das erste Buch nach den vier Evangelien, die von Jesus erzählen, – das erste Buch im Neuen Testament, das über Jesus spricht und nachdenkt, statt von ihm zu erzählen, das ist die Apostelgeschichte des Lukas. Der Predigttext für heute steht im 6. Kapitel:

 

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam. (Apg 6)

 

Vielleicht fragen sich einige: Warum hat er so lange von Jesus gesprochen? Der kommt doch in diesem Abschnitt gar nicht vor! Stimmt, Jesus wird nicht erwähnt. Er steht aber hinter all dem, was Lukas da berichtet:

  • die Jünger – das sind natürlich die Jünger Jesu. Durch die begeisternden Predigten am Pfingsttag sind zu den Menschen, die Jesus persönlich nachgefolgt waren, noch viele gekommen, die den Auferstandenen und zum Himmel aufgefahrenen als Herrn bekennen.
  • die Zwölf, die Apostel – das ist natürlich der engste Kreis um Jesus, die Menschen, die Jesus persönlich berufen hat. Der Apostel Matthias ersetzt in dieser Runde den Verräter Judas. Sie leiten offenbar die erste Christengemeinde.
  • wenn dieses Apostel „beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben“ (das ist der Umgang mit der Bibel, die Bibelauslegung), dann tun sie genau das, was Jesus persönlich ihnen vor seiner Himmelfahrt aufgetragen hat.

Sieben Diakone, Quelle: Rummelsberger Diakonie

Jesus steht bei all dem, was Lukas berichtet, im Hintergrund. Auch wenn die Erinnerung an Jesus für die Jüngerinnen und Jünger damals natürlich viel frischer war – im Grunde standen sie vor der gleichen Frage wie wir heute: Wie können wir Jesus bekennen (wir haben vorhin das Glaubensbekenntnis gesprochen), wie können wir mit ihm durchs Leben gehen, wenn er gar nicht bei uns ist? Wie können wir ohne Jesus Gemeinde Jesu Christi sein?

 

Wie das gehen kann, zeigt der Predigttext. Die Apostel sind offenbar – wie ihr Auftrag ist – „beim Gebet und beim Dienst des Wortes“ geblieben – aber daneben gibt es Probleme, neue Herausforderungen, die es nicht gab, als alle Jesus persönlich nachgefolgt sind. Bei ihm sind alle sattgeworden, 4000, sogar 5000. Doch nun beschweren sich die Gemeindeglieder mit griechischem Hintergrund. Ihre Witwen, die bedürftigen Frauen also, werden gegenüber den Witwen mit hebräischem Hintergrund wohl bei der Essensverteilung benachteiligt.

 

Was nun folgt, ist wenig überraschend und wird heute nicht anders gemacht: die Apostel schlagen einige Männer vor, die sich um die gerechte Versorgung kümmern sollen (das meint: „an den Tischen dienen“). Die Zuständigen akzeptieren den Vorschlag und bestätigen ihn im Gebet – Problem gelöst … (hoffentlich).

 

Bei all der Zeit, die seither vergangen ist, finde ich es erstaunlich, dass die frühe Christengemeinde das Problem nicht anders angegangen ist, als wir es tun. Bei all der Zeit, die seither vergangen ist, und wo die Leute damals doch viel näher an Jesus waren …!

 

 

Rike Janßen, in: Die große Kinderbibel

Aber es ist eben nicht einfach eine Problemlösung, wie sie auch ein Unternehmen oder die Kleintierzüchter hinkriegen würden. – Am Beginn des Gottesdienstes stand als Wochenspruch ein Jesuswort:

 

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)

 

Unser Predigttext berichtet davon, wie die christliche Gemeinde den Auftrag, der in diesem Jesuswort steckt, bei einem konkreten Problem umgesetzt hat. Die gerechte Versorgung der Schwachen – hier der Witwen – im Blick zu haben, ist nicht irgendeine Nebensache. Hier muss sich vielmehr das Bekenntnis zu Jesus Christus bewähren. Das gilt auch für uns. Es gilt, Probleme, Ungerechtigkeit wahrzunehmen – man kann sie auch übersehen und verdrängen – und dann eine Lösung zu suchen. Wir können es gar nicht oft genug hören: Jesus sagt:

 

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern – hier sind es Schwestern –, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)

 

Aber die Zwölf lassen nicht alles liegen und stehen, um sich dieser neuen Aufgabe zuzuwenden. Das Gebet und der Dienst des Wortes bleiben die Grundlage des Gemeindelebens. – Klar: Woher, wenn nicht durch den „Dienst am Wort“ sollte die Christengemeinde auch wissen, was Jesus gesagt hat? Wie sollte sie das Jesuswort über die geringste Brüder kennen? – Auch das müssen wir beherzigen: Es mag in der Gemeinde mancherlei Aufgaben geben – wichtige Aufgaben, diakonische Aufgaben, die für uns aus Jesu Worten folgen – … diese Aufgaben müssen wir aufnehmen, müssen wir wahrnehmen. Aber sie treten nicht an die Stelle von Gebet und Dienst des Wortes, weder in unserem Herzen noch in unserem Handeln.

 

Die frühe Christengemeinde steht vor der Frage, wie sie Jesus nachfolgen kann, obwohl Jesus in den Himmel aufgefahren ist. Als es Probleme bei der Versorgung der Witwen gibt, müssen die Verantwortlichen es im Geiste Jesu lösen. Das tun sie. Trotz der neuen Aufgabe halten sie am Gebet und am Dienst des Wortes fest.

 

Die Christengemeinde steht vor der Frage, wie sie Jesus nachfolgen kann, obwohl er in den Himmel aufgefahren ist. Diese Frage ist uns nicht fremd. Nehmen wir uns die frühe Gemeinde zum Vorbild; lösen wir die Probleme im Geiste Jesu und halten wir am Gebet und am Dienst des Wortes fest.

 

Amen

"Wo ein Mensch sich selbst verschenkt" (EG 638,3)

Wir beten:

Wenn wir zu dir, unser Gott, beten, möchten wir dir Schritt für Schritt näherkommen, Wort für Wort, Stufe um Stufe. Wir möchten uns lösen von dem, was uns bindet und niederzieht. Wir möchten uns erheben und deinen Frieden sehen. Doch wir tragen schweres Gepäck.

 

Wir nehmen die Gedanken an all diejenigen mit, die deinen Frieden ersehnen: die Kinder, Frauen und Männer, die Gewalt erleiden, die nach Gerechtigkeit hungern, die einen sicheren Ort suchen.

 

Wir nehmen die Gedanken an all diejenigen mit, die deiner Nähe bedürfen: die Kinder, Frauen und Männer, die aus ihrer Einsamkeit ausbrechen wollen, die eine Richtung für ihr Leben suchen, denen alles zu viel ist.

 

Wir nehmen die Gedanken an all deine Geschöpfe mit, deren Dasein bedroht ist: die Menschen, Tiere, Pflanzen.

 

Mit schwerem Gepäck sind wir unterwegs zu dir, unser Gott. Deshalb bitten wir dich, komm uns entgegen, mach dich auf aus deiner Höhe und begib dich zu uns deiner Menschen, zu deiner Schöpfung.

 

Das ist unser Gebet, dass du zu uns kommst, bei uns bist, uns begleitest, behütest und uns stark machst, die Aufgaben unseres Lebens anzunehmen, Schritt für Schritt.


Wir machen uns auf den Weg zu dir, unser Gott. Du kommst uns entgegen in Jesus Christus, unserm Herrn, deinem Sohn.

 

... wir beten weiter, wie er uns gelehrt hat:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit zuversichtlich in die kommenden Tage:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

 

Pfr. Matthias Ahrens