An Stelle des Gottesdienstes am Sonntag Lätare (22. März 2020)

Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Wer hätte das noch vor zwei Wochen gedacht: Wir dürfen uns nicht in der Kirche zum Gottesdienst versammeln. Eigentlich hätten heute die Konfirmanden von 1970 aus unseren Orten die Goldene Konfirmation gefeiert, der Sunshine Chor hätte gesungen. Welche Einschränkung unserer Rechte und Freiheiten! Doch akzeptieren wir das in der Corona-Krise.

 

Und dann heißt dieser Sonntag traditionell auch noch "Lätare – Freut euch!"; "ein kleines Osterfest in der Passionszeit" wird er genannt. Ist das nicht doppelt unpassend? Wie können wir uns freuen in der Passionszeit? Wie können wir uns freuen in den Wochen der Pandemie? Für die Antwort schauen wir auf das Wochenlied und das Prophetenwort, von dem der Sonntag seinen Namen hat.

Lied: Jesu, meine Freude (Evangelisches Gesangbuch 396,1)

(siehe und höre auch hier)

 

Wir beten:

Du, unser Gott, bist der Halt unseres Lebens, wenn wir Angst haben. Du bist unsere Zuversicht, wenn uns Zweifel plagen. Du bist uns nahe, wenn wir traurig sind.

 

Mache uns offen für die Freude, die uns in unserem Herrn und Bruder Jesus Christus begegnet. Ihm sei Ehre alle Zeit und in Ewigkeit. Amen

Lied: Unter deinem Schirmen (EG 396,2)

(siehe und höre auch hier)

Lätare - Freut euch!

"Viel Spaß" wünschte ich jemandem; er korrigierte mich: Sag nicht "Spaß", wir Evangelischen wünschen "viel Freude". Und es stimmt: Wenn ich "Spaß" höre, denke ich an die "Beach Boys" und ihren Hit "Fun, fun, fun" – eben "Spaß, Spaß, Spaß". Ein Mädchen bekommt das Auto von ihrem Vater, um zur Bücherei zu fahren. Aber sie hat ihn angelogen. Tatsächlich fährt sie zur Frittenbude, trifft ihre Freunde und liefert sich Rennen mit ihnen. Klar, so schnell wird sie das Auto nicht noch einmal bekommen. Aber – was soll’s? Sie hat Spaß gehabt.

Jesaja (Klosterkirche Bad Herrenalb) Foto: W. Brendlin

"Lätare – Freut euch!" Diese Aufforderung kommt von ganz oben; Gott selbst, so überliefert es der Prophet Jesaja, spricht hier zu seinem Volk. Dabei ist das Volk verzweifelt, schon seit langer Zeit. Nichts ist mehr, wie es war, wie es sein sollte. Jerusalem mit dem Tempel zerstört, die Bewohner nach Babylon verschleppt, der Gottesdienst in der gewohnten Form nicht mehr möglich. Das ist das Ergebnis eurer Taten, lässt Gott den Propheten verkündigen, oder besser: Eurer Untaten.

 

Aber es bleibt nicht beim "Gericht", wie die Propheten es nennen. Gott ist treu, Gott steht zu seinen Verheißungen, zu seiner Heilszusage. "Tröstet, tröstet mein Volk" (Jes 40), verkündigt er. Das ist das erste Hoffnungszeichen, die Stimme des Rufers in der Wüste.

 

Und dann später, am Ende des langen Prophetenbuchs diese Aufforderung:

 

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. (Jes 66,10)

 

Diese Freude ist eben nicht "Spaß", diese Aufforderung heißt nicht einfach "Kopf hoch, wird schon wieder". Es ist die Freude über Gottes Gnade. Die Menschen freuen sich, weil Gott sie nicht verlassen hat, weil er zu seinen Verheißungen steht. Die Menschen freuen sich, weil das Leben weitergeht, wenn auch sehr eingeschränkt. Es wird nicht mehr so sein, wie es war, wie es – so meinte man – sein sollte. Aber auch, wenn es schwieriger ist, gibt es neue Hoffnung, neue Möglichkeiten, neue Gemeinschaft.

 

Das haben wohl auch die erfahren, die heute Goldene Konfirmation gefeiert hätten. Wenn sie auf die vergangenen 50 Jahre zurückblicken – heute ist Vieles nicht mehr, wie es war, wie es – so meinte man – sein sollte. Nicht nur Träume und Wünsche sind zerplatzt, auch das, was man sicher zu haben meinte: Gesundheit, Familie, berufliche Perspektiven. Einige aus dem Jahrgang sind schon von uns gegangen. Und dennoch wollten sie zusammenkommen, wollten sie das Jubiläum der Konfirmation feiern. Der Sunshine Chor hätte gesungen "Oh happy day". Der Sonntag Lätare mit der Aufforderung "Freut euch" wäre genau der richtige Rahmen für das Fest gewesen, ein "kleines Osterfest in der Passionszeit".

 

Aber nun hat die Corona-Krise unser Leben im Griff. Innerhalb weniger Tage ist Vieles nicht mehr, wie es war, wie es – so meinte man – sein sollte. Schulen geschlossen, Gottesdienste abgesagt, Gemeindehäuser und Pfarrämter geschlossen; eine Ausgangssperre ist im Gespräch. Wie geht es weiter?, fragen wir. Was wird aus unserer Arbeit, aus den Geschäften, den Betrieben, den Unternehmen? Wann werden unsere Kinder ihre Prüfungen nachholen können? Werden die Vorräte reichen?

 

In diese unsichere Zeit, in die Passionszeit 2020 hinein hören wir Gottes Wort an sein verunsichertes Volk: Lätare – Freut euch! Das Prophetenwort ist bis heute überliefert, weil die Menschen immer wieder erfahren haben: Gott steht zu seinen Verheißungen. Gott Gnade ist Grund zur Freude. Auch, wenn das Leben schwierig ist, gibt es neue Hoffnung, neue Möglichkeiten, neue Gemeinschaft.

 

Diese Gewissheit wünsche ich uns, die wir hier vor der Kirchentür stehen, und all denen, die diese Worte in ihren Wohnungen lesen.

 

Amen

Für uns, die wir keine Kinder Abrahams sind, ist diese Freude mit Jesus verbunden, der seine Jünger in alle Welt schickte und aufforderte, von der Freude über Gottes Gnade zu erzählen. Jesus verkörpert deshalb für uns die Freude, zu der Gott auffordert. Deshalb singen wir: "Jesu, meine Freude"!

Lied: Weicht, ihr Trauergeister (EG 396,6)

(siehe und höre auch hier)

Wir beten:

Du Gott des Lebens, Jesus Christus, du wünschst uns Freude, du forderst uns auf zur Freude. Doch wir zögern; denn Ungewissheit und Angst erfüllen unsere Gedanken.

 

Wir bringen die Sorge über alle Erkrankten vor dich und bitten um Trost und Heilung. Sei den Leidenden nahe, besonders den Sterbenden. Tröste jene, die jetzt trauern.

 

Gib den Ärzten und Forschern Weisheit und Energie. Allen Krankenschwestern und Pflegern Kraft in dieser extremen Belastung. Den Politikern und Mitarbeitern der Gesundheitsämter Besonnenheit.

 

Wir beten für alle, die in Panik sind, für alle, die von Angst überwältigt sind. Um Frieden inmitten des Sturms, um klare Sicht. Wir beten für alle, die großen Schaden haben oder befürchten.

 

Wir bringen vor dich alle Menschen, die in Quarantäne sein müssen, sich einsam fühlen, niemanden umarmen können. Berühre Du die Herzen mit Deiner Sanftheit.

 

Und wir beten, dass diese Epidemie abschwillt, dass die Ansteckungszahlen zurückgehen, dass Normalität wieder einkehren kann.

 

Mach uns dankbar für jeden Tag in Gesundheit. Lass uns nie vergessen, dass das Leben ein Geschenk ist. Mach uns dankbar für so vieles, was wir ohne Krisenzeiten so schnell übersehen. Wir vertrauen Dir. Wir sind in Sorge.

 

Und wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Geht hin, ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht durch die Unsicherheit der kommenden Tage und Wochen mit dem Segen unseres Gottes:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

Matthias Ahrens, 20. März 2020

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