An Stelle des Gottesdienstes am Sonntag Judika (29. März 2020)

Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Der nächste Sonntag ohne Gottesdienst in unseren Gemeinden und im ganzen Land. In Rotensol hätte heute ein Projektchor unter der Leitung von Frieder Gutscher seinen "Liederschatz", das Ergebnis eines Singwochenendes im Henhöferheim, mit der Gemeinde geteilt.

 

Uns fehlt etwas, mir fehlt etwas, liebe Gemeinde!

 

"Judika - Schaffe mir Recht" heißt dieser Sonntag traditionell. Dabei ist es - gerade in diesen Tagen der Corona-Krise - nicht leicht zu sagen, was Recht ist, was gerecht ist, was richtig. Aus der Forderung "Judika - Schaffe mir Recht" wird für mich die Frage: Was ist mein Recht? Kann ich das fordern?

 

Angesichts des verschärften Kontaktverbots für mehr als zwei Personen werde ich nicht an der Kirchentür stehen. Diese Andacht - das Wochenlied ("Holz auf Jesu Schulter"), die Gebete und eine Auslegung zum Sonntagsnamen - können wir also nur im Geist miteinander halten.

Lied: Holz auf Jesu Schulter (Evangelisches Gesangbuch 97, 1)

Wir beten:

Vater im Himmel, du bist die Hoffnung der Bedrängten - du bist unsere Hoffnung. Dein Weg zu uns ist der Weg Jesu – ein Weg durch das Leiden und die Ungerechtigkeit dieser Welt hindurch. Hilf uns, Jesu Weg zu finden; stärke uns, ihn zu gehen.

Sieh freundlich auf alle, die ihm nachfolgen, bewahre sie in dieser Zeit und leite sie in die Ewigkeit.

Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen

Lied: Wollen wir Gott bitten (EG 97, 2)

Schaffe mir Recht!

"Schaffe mir Recht." Mit ruhiger Stimme spricht die junge Frau im Seminar die Bitte der Witwe (aus Lukas 18) nach. "Meinst Du, dass der 'ungerechte Richter' darauf eingeht?", frage ich, "versuch es noch einmal." Erst nach einigen weiteren Anläufen trifft sie den Ton, der den Richter überzeugen könnte. Mit lauter Stimme, von energischen Gesten unterstützt fordert sie von ihrem Gegenüber: "Schaffe mir Recht!" So muss man als arme Witwe wohl auftreten – energisch und bestimmt –, wenn man gegen mancherlei Widerstände die eigene Position behaupten will.

 

Quelle http://www.fisheaters.com/parables31.html

"Schaffe mir Recht" – Ist auch Gott so ein Richter, liebe Gemeinde, dem man energisch und bestimmt kommen muss? Kann man auch vor Gott mit ruhiger Stimme nichts ausrichten? Muss man auch vor Gott laut und energisch werden? Ist die Überschrift dieses Sonntags Judika, ist der erste Vers von Psalm 43 genauso zu sprechen, zu beten, zu verstehen?

 

"Schaffe mir Recht." Das fordert die Witwe, das fordert der Bedrängte. Ja, so darf man Gott kommen. Auch Hiob ist Gott so gekommen, hat sein Recht vor Gott und von Gott eingefordert. Mit dem Gleichnis von der Witwe vor dem ungerechten Richter ermuntert Jesus regelrecht dazu:

 

Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? (Lk 18,7)

 

 

Diese Frage ist eigentlich eine Feststellung: Ja, Gott wird Recht schaffen. Nur: Was ist (mein) Recht? Schon in unserem täglichen Leben steht oft mein Recht gegen das einer anderen Person, ist mein Recht oft so wenig eindeutig festzustellen, dass wir einen (hoffentlich korrekten) Richter benötigen. Das eine Recht steht gegen ein anderes. Das wird in dieser Zeit der Corona-Krise noch deutlicher: gerade setzen wir die Gesundheit höher als die Versammlungsfreiheit oder das Recht auf freie Religionsausübung. Eben um die Gefährdeten vor Krankheit zu schützen, verzichten wir sogar auf den Gottesdienst. Wir akzeptieren, dass Freiheitsrechte massiv eingeschränkt werden – in der Erwartung, dass das vorüber geht, dass wir diese Rechte später wie gewohnt wahrnehmen können. Schon in unserem Alltag führt die Forderung "Schaffe mir Recht" zu der Frage: Was ist (mein) Recht?

 

 

Umso mehr Gott gegenüber. "Schaffe mir Recht" – Ja, so darf man Gott kommen. Das tun wir ja ständig. Wir fordern "Schaffe mir Recht" und wir hadern mit Gott: Warum ich, warum er, sie – dieser geliebte Mensch? Das ist doch ungerecht! Aber auch Gott gegenüber führt diese Forderung zur Frage: Was ist (mein) Recht? Hiob fordert sein Recht vor Gott, und das Gespräch darüber, das Nachdenken darüber, die Auseinandersetzung darüber, was sein Recht ist – all das ist im Hiob-Buch 41 Kapitel lang! Und die Antwort auf die Frage ist alles andere als eindeutig …

"Schaffe mir Recht" – Was ist die Grundlage für die Forderung? Dass wir Gottes Gebote halten? Unser tadelloses, gottgefälliges Leben? Das kann es nicht sein. Der Apostel Paulus sagt hier ganz klar:

 

Sie – Juden wie Griechen – sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen. (Rö 3,23)

 

"Juden und Griechen", das meint: wir alle. Martin Luther ist Paulus darin gefolgt. Zwar fordern wir immer wieder von Gott "Schaffe mir Recht". Aber bei genauem Hinsehen müssen wir feststellen, wie schwach unsere Position ist: Wir halten eben nicht die Gebote, wir führen eben kein tadelloses, gottgefälliges Leben. Nicht wegen unserer guten Taten bekommen wir Recht bei Gott, sondern wir …

 

… werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. (Rö 3,24)

 

Auch Jesu Feststellung "Gott wird Recht schaffen" bedeutet nicht einfach, dass unsere Forderungen oder Wünsche erfüllt werden. Vielmehr fügt Jesus hinzu:

 

Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. (Lk 18,8)

 

Wann ist in Kürze? Schon manche Erwartung der nahen Gottesherrschaft ist enttäuscht worden. Wann Gott zum welchem Recht verhilft, bleibt offen.

 

"Schaffe mir Recht" – Mit dieser Forderung gehen wir hinein in den Sonntag Judika. Doch nicht nur in der Corona-Krise führt das zu der Frage: Was ist (mein) Recht? Im weltlichen Recht wägen wir neu ab und hoffen, dass die Einschränkung der Freiheiten bald wieder zurückgenommen werden kann. Und was kann ich mit Recht von Gott fordern? Von Gott können wir nichts fordern. Deshalb steht am Ende der Dank; denn ohne, dass wir unser Recht einfordern könnten, verspricht Gott uns "die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist."

 

Amen

Lied: Wollen wir Gott loben (EG 97, 4)

Wir beten:

O Gott, unser Heiland, zeige Dein Erbarmen für die ganze Menschheitsfamilie, die gerade in Aufruhr ist und beladen mit Krankheit und Angst. Sei bei uns, da sich der Coronavirus auf der ganzen Erde ausbreitet.

 

Heile die, die krank sind, unterstütze und beschütze ihre Familien, Angehörigen und Freunde vor Ansteckung.

 

Stärke und ermutige die, die im Gesundheitswesen, in Praxen und Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und anderen Bereichen der Medizin arbeiten – alle, die für Kranke und ihre Familien sorgen.

 

Inspiriere die Menschen, die an Impfstoffen, Medikamenten und der Herstellung medizinischer Ausstattung forschen. Gib ihnen Erkenntnisse und Weitblick.

 

Erhalte die Menschen, deren Arbeit und Einkommen durch Schließungen, Quarantänen, geschlossene Grenzen und andere Einschränkungen bedroht sind. Beschütze alle, die reisen müssen.

 

Heile unsere Welt. Heile unsere Körper. Stärke unsere Herzen und Sinne. Und in der Mitte des Aufruhrs gib uns Hoffnung und Frieden.

 

In deinen gnädigen Armen halte alle, die gestorben sind und die in dieser Zeit sterben werden. Tröste ihre Hinterbliebenen, tröste die, die verzweifelt sind.

 

Gedenke der Menschheit und deiner ganzen Schöpfung, in deiner großen Liebe.

Und wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht durch die Unsicherheit der kommenden Tage und Wochen mit dem Segen unseres Gottes:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

Auf ein Segenslied mit Bildern (hier) hat die Familie Scheeder mich hingewiesen.

 

Matthias Ahrens, 28. März 2020

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