An Stelle des Gottesdienstes am 19. April 2020

Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Wieder ein Sonntag ohne Gottesdienst in der Kirche, liebe Gemeinde. Haben wir uns schon daran gewöhnt? Die Ostertage sind schließlich auch ohne Osternachtfeier, ohne Festgottesdienst und ohne Emmaus-Gottesdienst - die wir schon geplant hatten - vorbeigegangen ... Ich merke, wie die Liste der Andachten "An Stelle des Gottesdienstes" immer länger wird. Geht es, geht das Leben als Gemeinde Jesu Christi auch ohne Zusammenkünfte? Immerhin tragen wir so zum Schutz gegen den Corona-Pandemie bei.

 

Aber wenn die Schulen wieder öffnen sollen, wenn auch mittelgroße Geschäfte wieder öffnen sollen - immer mit strengen Vorsichtsmaßnahmen -, warum sollen wir dann nicht auch wieder Gottesdienste feiern können - immer mit strengen Vorsichtsmaßnahmen? Dabei geht es nicht allein um unser persönliches religiöses Leben. Dabei geht es auch darum, sich nicht an die Einschränkung von Grundrechten - hier das Recht auf freie Religionsausübung - zu gewöhnen. So hoffe ich, dass ich nicht noch viel mehr dieser Andachten im Internet veröffentlichen muss. Bei nächster Gelegenheit möchte ich wieder Gottesdienste in den Kirchen feiern - mit allen nötigen Vorsichtsmaßnahmen.

 

Am Sonntag "Quasimodogeniti" (das heißt: wie die Neugeborenen) blicken wir auf das Osterfest zurück und fragen noch einmal nach der Auferstehung. Was ist da passiert? Was bedeutet es? Eine Woche nach Ostern trifft der Apostel Thomas den Auferstandenen zum ersten Mal - ja, Thomas, der "ungläubige Thomas". Dazu unten mehr.

Choral "Auf, auf, mein Herz, mit Freuden" (Evangelisches Gesangbuch 112,1)

Wir beten:

Herr, unser Gott, wir haben deinen Sohn Jesus Christus nicht mit eigenen Augen gesehen. Unsere Hände haben seinen Leib nicht berührt. Und doch wagen wir, an ihn zu glauben. Wir bitten dich, rüste uns aus mit deiner Kraft.

 

Denn in der Begegnung mit Jesus, erfahren wir: Selbst die Schranken des Todes sind durchbrochen. Müde waren wir und verzagt, sprachlos gemacht und ohne Hoffnung.

 

Doch seine Liebe und sein Geist haben uns wieder zurecht gebracht. Wir spüren, wie neues Leben wächst und Hoffnung sich ausbreitet.

 

Jesus ist unser Helfer alle Zeit!

 

Amen

Choral "Er war ins Grab gesenket" (EG 112,2)

"Ich glaube nur das, was ich sehe."

Wer so spricht, gilt gemeinhin nicht als religiöser Mensch. Der gibt sich besonders realistisch und praktisch veranlagt, der signalisiert: Ich lasse mir nichts vormachen. Die Corona-Krise zeigt wieder, wo die Probleme dieser Haltung liegen. Wer kann schon die Ursache dafür sehen, dass wir uns andauernd ausdauernd die Hände waschen (wie lang 20 Sekunden sein können …), dass wir Kontakte mit unseren Nächsten meiden, dass Unternehmen die Produktion einstellen, dass Läden schließen? Ein neuartiges Virus führt zu einer schweren Erkrankung – wie eine Grippe –, so lesen und hören die meisten von uns. Weil wir den Fachleuten vertrauen, befolgen wir die radikalen Vorschriften, lassen wir unsere Freiheiten einschränken. "Ich glaube nur das, was ich sehe." Als religiöse Menschen schauen wir etwas herab auf diejenigen, die so reden.

 

Am Abend des Ostertages sehen die Jünger Jesus, so berichtet das Johannes-Evangelium (Joh 20,19-29). Er kommt in ihre Versammlung und zeigt …

 

 … ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, …

 

Die Jünger sehen die Wundmale … und erkennen den Auferstandenen. Glauben sie, was sie sehen? Glauben sie, weil sie sehen? "Ich glaube das, was ich sehe." Das gilt offenbar auch für die Jünger Jesu, die Menschen also, die ihm besonders nahe standen.

 

Thomas legt seine Finger in die Seite des auferstandenen Jesus, Gemälde von Caravaggio (Bild: Wikipedia/ PD-Art)

"Ich glaube nur das, was ich sehe." Thomas war am Abend des Ostertages nicht dabei; er kommt eine Woche später in die Versammlung. Als die anderen ihm erzählen, was sie gesehen haben, sagt er:

 

Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben.

 

Thomas geht also noch einen Schritt weiter: "Ich glaube nur, was ich mit Händen begreifen kann." Als der auferstandene Jesus an diesem Abend wieder zu den Jüngern kommt, geht er auf Thomas Worte ein:

 

Reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite.

 

… sagt er zu Thomas. Was der auch tut; er wühlt geradezu in den frischen Wunden – so jedenfalls haben es Maler dargestellt. Da ist auch Thomas überzeugt, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Er spricht ihn an und bekennt:

 

Mein Herr und mein Gott!

Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

 

Was heißt das? Ist Thomas also nicht selig? Gilt sein Bekenntnis nicht? Warum hat Jesus ihn dann erst die Wunden begreifen lassen? Immerhin wurden die anderen Jünger doch auch erst froh, als sie Jesus sehen konnten.

 

 

Apostel Thomas (Quelle: russische-kirche-l.de)

"Ich glaube nur das, was ich sehe." Ganz ohne Sehen geht es nicht. Etwas müssen wir doch sehen oder begreifen, um es zu begreifen. Das meint auch der Evangelist Johannes; schließlich stellt er zu Beginn des Evangeliums fest (Joh 1,14):

 

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, …

 

Was sehen die Jünger bei der Begegnung mit dem Auferstandenen? Seine Wundmale, die Spuren der Hinrichtung. Jesu Herrlichkeit ist nicht ohne seine Wundmale zu haben. Als Thomas die Wundmale begreift, bekennt er Jesus als Herr und Gott.

 

In Jesus das ewige Wort Gottes zu sehen und anzuerkennen oder zu bekennen – darum geht es wohl. Dorthin gibt es unterschiedliche Wege. Die Jünger sehen die Wundmale, Thomas begreift sie. Ob er selig ist? Immerhin ist der Apostel Thomas – so berichten frühchristliche Schriften – bis nach Indien gereist, hat dort das Evangelium verkündigt und die Kirche gegründet.

 

Wir verlassen uns auf das Zeugnis der Jünger von Jesu Auferstehung und Herrlichkeit. Niemand glaubt nur, was er sieht. Aber wenn wir glauben, was wir sehen und begreifen – wie Thomas –, dann kann dieser Glaube weit reichen.

 

Amen

Choral "Das ist mir anzuschauen ein rechtes Freudenspiel" (EG 112,3)

Wir beten:

Gott,

schreib uns die Freude des Ostertages ins Herz,

damit sie nicht verfliegt,

wenn wir zurückkehren in unseren Alltag.

 

Gott,

präge uns ein,

dass du den Tod überwunden hast,

damit wir nicht in Trauer versinken,

wenn wir begraben müssen,

die wir lieben.

 

Gott,

spiel uns ins Ohr

das Lied vom Leben,

das du neu erschließt,

damit wir Hoffnung ausbreiten,

wenn wir Verzweifelten begegnen.

 

O Herr, lass gelingen,

dass das Licht des Ostertages

die Schatten der Sinnlosigkeit vertreibt.

 

... wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

Choral "Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied" (EG 112,6)

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit mit Osterfreude in die kommenden Tage; denn:

Der Herr ist auferstanden,
Er ist wahrhaftig auferstanden!

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

Pfr. Matthias Ahrens

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