An Stelle des Gottesdienstes am Palmsonntag (5. April 2020)

Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Der nächste Sonntag ohne Gottesdienst in unseren Gemeinden und im ganzen Land. Uns fehlt etwas, mir fehlt etwas, liebe Gemeinde!

 

Am Palmsonntag geht es traditionell um den Einzug Jesu in Jerusalem. Die Menge streut (Palm-) Zweige auf die Straße und ruft "Hosianna dem Sohn Davids". Dieselben Leute - wie es scheint - fordern einige Tage später "Kreuzigt ihn". Zwischen diesen Extremen stellt sich die Frage: Wer ist Jesus für mich?

 

Prädikant Stefan Kämmerer aus Enzklösterle wollte am Palmsonntag die Gottesdienste in Dobel und Neusatz halten. Gebete und Predigt hat er uns vorab geschickt. In der Predigt (unten leicht gekürzt) geht es um die Frau, die Jesus mit teurem Öl salbt, und um die Kritik der Jünger daran. Wer ist Jesus für sie? Wer ist Jesus für mich?

Lied: Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt (Evangelisches Gesangbuch 98,1)

Wir beten:

Jesus Christus,
danke, dass du den schweren Weg gegangen bist.

Auch unsere Wege gehst du mit uns.

Manchmal wissen wir nicht, welcher Weg der richtige ist.

Wir brauchen deinen Rat.
Wir brauchen dein Wort, das uns die Richtung weist,
das uns zurechtbringt und frei macht.

Lass uns jetzt dein Wort hören.
Lass es uns so hören, dass es unser Herz erreicht.

Bring unsere Sorgen zur Ruhe.
Entflamme neu unsere Liebe zu dir.

Amen

Lied: Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab (EG 98,2)

Liebe Gemeinde,

da steht sie, die unbekannte Frau. Sie hat ein Gefäß mit Salböl in der Hand. Eine Kostbarkeit, denn das Gefäß enthält reines Nardenöl. Es ist aus Indien importiert und hat 300 Silbergroschen gekostet. Ein ganzer Jahresverdienst. Die Frau zögert. Doch dann gibt sie sich einen Ruck und geht los. Weit muss sie nicht laufen. Sie hatte gehört, dass ER im Ort sei, hier in Bethanien, bei Simon. Der hatte einmal Aussatz, und wurde geheilt.

 

 

Ihr Herz klopft. Sollte sie es tatsächlich wagen? Gerne erinnert sie sich daran, wie ER sie angesehen hatte, als sie sich das letzte Mal begegnet waren. Nie wird sie es vergessen: Da war so viel Liebe in seinem Blick gewesen. Und Verständnis. Und auch die Bitte: »Vertrau mir. Setz alles auf eine Karte… auf mich.« Ja, das wollte sie tun. Sie war bereit. Und dann steht sie vor Simons Haus. Mit leichtem Schritt tritt sie über die Schwelle. Da sieht sie auch schon die Männerrunde, wie sie zu Tisch liegen. Sie spürt die Vertrautheit der Männer untereinander. Und sie spürt eine leise Wehmut, die in der Luft zu liegen scheint. Und sie spürt die Blicke, die sich nun alle auf sie richten: »Was will DIE denn hier?«

 

Und da ist ER – Jesus. Aufmerksam wendet er sich ihr zu. Mit wenigen Schritten ist sie neben IHM. Sie bricht den Hals des Salbgefäßes und gießt all das kostbare, duftende Öl über sein Haupt. Der Duft erfüllt den ganzen Raum. Es ist ein Moment, in dem sie sich mit IHM zutiefst verbunden fühlt. ER versteht.

Doch was ist das? Plötzlich wird es laut. Ihre innere Freude bekommt einen heftigen Dämpfer. »Was soll diese Vergeudung!« »Die spinnt doch komplett!« »Mensch, was man mit diesem Geld alles hätte machen können, wenn man es für die Armen gegeben hätte!«

»Lasst sie!« – mit ruhigem Ton, der dem Wirrwarr der Stimmen Einhalt gebietet, spricht Jesus zu den Männern. »Warum bringt ihr sie in Verlegenheit? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Arme habt ihr immer bei euch, und wenn ihr wollt, dann könnt ihr ihnen jederzeit etwas Gutes tun. Mich habt ihr nicht immer bei euch. Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.«

 

Liebe Gemeinde, so ist das mit der Liebe. Liebe rechnet nicht, sondern sie will dem Geliebten etwas Gutes tun – egal, was andere darüber denken. Diese Frau: Sie wagt es, die Männerrunde zu stören. Frauen waren damals bei solchen männlichen Tischgemeinschaften allenfalls als Bedienung zugelassen. Diese Frau setzt sich darüber hinweg. Ihre Liebe zu Jesus ist stärker als die gesellschaftlichen Regeln. Diese Frau… in einem kurzen Augenblick giesst Sie ein Vermögen über Jesus aus.

 

Diesen Wert … einfach so ausgeschüttet … als duftende Ehrung für Jesus. Kann sein, dass dieses Nardenöl ihr »Sparbuch« war, Ihre Geldanlage. Ihre »Absicherung« für die Zukunft.

Eine Salbung an sich war damals nichts Ungewöhnliches. Man salbte z.B. seine Gäste, wenn man ihnen zeigen wollte: Du bist mir wichtig und wertvoll. Rabbiner wurden besonders häufig auf diese Weise geehrt.

In der jüdischen Tradition wurden Abraham und Noah mit einem Alabasterfläschchen Nardenöl verglichen. Sie gehorchten Gott und dadurch verbreitete sich ihr »Duft«. Indem die Frau Jesus salbt, ehrt sie Jesus als ihren Rabbi. Und weil sie dieses kostbare Nardenöl verwendet, bekommt Jesus dadurch gleichsam den Duft eines Gerechten… wie Abraham.

 

 

Kirche Dobel

Was denken Sie über die Aktion der Frau? Macht es Sinn, Geld auszugeben, um Gott ganz direkt zu ehren? Vielleicht durch ein schönes Kirchengebäude? Es gibt ja auch Stimmen, die sagen: Das ist total unnötig! Die ersten Christen haben sich auch in Privatwohnungen getroffen. Was soll also die teure Erhaltung der Kirchen?

Andererseits: Wenn man sieht, wie viele Menschen plötzlich leise sprechen, wenn sie z.B. im Urlaub eine Kirche betreten, da sieht man schnell: Das Gebäude hat eine Bedeutung. In einer Kirche ist zu spüren: Hier ist etwas anders. Das ist das Haus Gottes. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir Gott auch direkt ehren können, nicht nur indirekt, indem wir anderen Menschen helfen.

Natürlich ist es ein ureigener Auftrag der Christenheit, den Armen und Hilfsbedürftigen beizustehen – keine Frage! Jesus selbst hat gesagt: Was ihr meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan. Dennoch: Die Frau in Bethanien hat etwas Wichtiges getan.

Auch Jesus hat das so gesehen. Er hat nicht in die Kritik der anderen eingestimmt. Er war dankbar für die Liebe dieser Frau. Sie hat ihn gestärkt für den Weg zum Kreuz, der vor ihm lag. Sein Tod war ja bereits beschlossene Sache.

Was mich bewegt ist das Gespür dieser Frau. Sie spürt, was jetzt dran ist. In ihrem Fall und zu diesem Zeitpunkt: Keine großzügige Spende für die Armen, sondern Nardenöl zur Salbung Jesu. Und dann macht sie das, ohne mit der Wimper zu zucken oder eine Gewinn- und Verlust-Rechnung aufzustellen.

 

Liebe Gemeinde, diese Erzählung von der Salbung durch die Frau in Bethanien ist deshalb so besonders, weil Jesus selbst indirekt den Auftrag gegeben hat, davon zu erzählen. Die Liebe dieser Frau war für Jesus so bedeutungsvoll, dass alle davon hören sollen. Das tun wir heute. Und wir erfahren dabei: Unser Leben mit Jesus ist eine Liebesgeschichte. Da geht es nicht um Leistung und Berechnung.

Die Tischgenossen von Jesus sehen nur, wie viel Geldwert das Salböl hat. Die Frau zeigt, wie viel Wert Jesus für sie hat. Sie macht sichtbar: So wertvoll ist für mich Jesus.

Vielleicht kann man sagen: Das ist die Freiheit der Kinder Gottes: Ein Jahresgehalt für Jesus »verschwenden« – für diesen Gott, der voller Liebe ist und der auch alles gegeben hat.

Ich bin da noch am Üben und dabei versage ich auch – leider. Ich spüre meine Unfreiheit. Und ich empfinde es jedes Mal als Triumph, wenn ich über meine Schatten springen konnte. Was mir dabei hilft ist es, diesen »Schatten« anzusehen. Zu überlegen, was mich hindert, was meine Angst ist: vielleicht die Sorge, was andere über mich denken; oder die Befürchtung, selbst zu kurz zu kommen.

Und dann bitte ich Jesus, in meine Angst hinein zu kommen. Ich bitte ihn, mir seine Liebe zu zeigen und mir Freiheit zu schenken – die Freiheit dieser Frau in Bethanien.

Wie gut, dass unser Gott unendlich viel Geduld hat – mit mir und mit uns allen! Nun weiß ich natürlich nicht, wie Sie gerufen sind, Jesus Ihre Liebe zu zeigen. Immer gut ist es, sich Zeit für IHN zu nehmen, für IHN allein. Damit geben Sie IHM die Chance, Ihnen einen »Wink« zu geben.

 

 

Hören wir uns nun die Erzählung von der Salbung Jesu in Bethanien an, wie sie der Evangelist Markus überliefert hat (Kapitel 14):

 

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 

Amen.

Wir beten:

O Gott, unser Heiland, zeige Dein Erbarmen für die ganze Menschheitsfamilie, die gerade in Aufruhr ist und beladen mit Krankheit und Angst. Sei bei uns, da sich der Coronavirus auf der ganzen Erde ausbreitet.

Heile die, die krank sind, unterstütze und beschütze ihre Familien, Angehörigen und Freunde vor Ansteckung. 

Stärke und ermutige die, die im Gesundheitswesen, in Praxen und Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und anderen Bereichen der Medizin arbeiten – alle, die für Kranke und ihre Familien sorgen.

Inspiriere die Menschen, die an Impfstoffen, Medikamenten und der Herstellung medizinischer Ausstattung forschen. Gib ihnen Erkenntnisse und Weitblick. 

Erhalte die Menschen, deren Arbeit und Einkommen durch Schließungen, Quarantänen, geschlossene Grenzen und andere Einschränkungen bedroht sind. Beschütze alle, die reisen müssen.

Heile unsere Welt. Heile unsere Körper. Stärke unsere Herzen und Sinne. Und in der Mitte des Aufruhrs gib uns Hoffnung und Frieden. 

In deinen gnädigen Armen halte alle, die gestorben sind und die in dieser Zeit sterben werden. Tröste ihre Hinterbliebenen, tröste die, die verzweifelt sind.

Gedenke der Menschheit und deiner ganzen Schöpfung, in deiner großen Liebe.

Und wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Lied: Im Gestein verloren Gottes Samenkorn (EG 98,3)

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht durch die Unsicherheit der kommenden Tage und Wochen mit dem Segen unseres Gottes:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

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