An Stelle des Gottesdienstes am Karfreitag (10. April 2020)

Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Sogar am Karfreitag dürfen wir keinen Gottesdienst feiern. Uns fehlt etwas, mir fehlt etwas, liebe Gemeinde!

 

Am Karfreitag kommt die Passionszeit, die Leidenszeit Jesu, mit der Kreuzigung zu ihrem Höhepunkt und ihrem Ende. Um diesen gewaltsamen Tod, um diese Hinrichtung geht es - normalerweise - im Gottesdienst. Beim Abendmahl, das wir an Karfreitag feiern, erinnern wir uns besonders daran, dass Jesus Brot und Wein als seinen Leib und sein Blut bezeichnet - "für euch gegeben".

 

An Stelle einer Predigt gehe ich unten auf die letzten Worte Jesu, wie die Evangelisten Matthäus und Markus sie überliefern, ein.

Choral "O Haupt voll Blut und Wunden" (Evangelisches Gesangbuch 85,1)

Wir beten:

Ewiger Gott, du gibst deinen Sohn hin in die Not der Welt,

in die Ratlosigkeit der Gläubigen,

in die harten Hände derer, die sich für gerecht halten – in unsere Hände.

Jesu Kreuz ist Zeichen der Not, Zeichen des Unrechts, Zeichen der Vernichtung.

Und doch ist es nicht das Ende seines Weges.

Es wird uns zum Zeichen der Hoffnung.

Öffne unsere harten Herzen für die Tat seiner Liebe,

damit wir uns von ihr tragen lassen

und im Leben und im Sterben an dir festhalten.

Durch ihn, unsern Heiland und Erlöser,

der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen

Choral "Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut" (EG 85,2)

Jesus am Kreuz: "Eli, Eli, lama asabtani"

Wandbild in der Gaisburger Kirche (Stuttgart) von Käthe Schaller-Härlin

"Eli, Eli, lama asabtani" – das sind die letzten Worte Jesu am Kreuz, wie wir im Matthäus-Evangelium lesen (genauso im Markus-Evangelium). Was bedeutet das? Kann das jemand verstehen? Auch die Leute, die um das Kreuz herumstanden, waren ratlos. Nur einige Schlauberger erklärten: "Der ruft nach Elia". Zum Glück haben wir die Evangelisten; die erklären uns: "Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mt 27,46 und Markus 15,34)

 

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Wir müssen also nicht rätseln, für uns sind das die letzten Worte Jesu vor seinem Tod. Dadurch haben sie eine besondere Bedeutung erlangt. Immer wieder werden diese Worte als spontaner Schrei eines Gemarterten, eines Sterbenden verstanden. Jesus – nach dem Bekenntnis des Petrus "des lebendigen Gottes Sohn" (Mt 16,16) – fühlt sich von Gott verlassen? Nimmt hier einer im Sterben alles zurück, was sein Leben bestimmt hat? Ist das einfach als Ausdruck der unerträglichen Schmerzen und der Todesangst eines Hingerichteten zu verstehen? Ist Jesus tatsächlich von Gott verlassen? Geht das überhaupt? Was sagt das über Jesus? Was sagt das über Gott? Für sich genommen, als spontaner Schrei haben die letzten Worte Jesu über die Jahrhunderte immer wieder zu solchen Fragen geführt. Und ohne Frage sind diese Worte Ausdruck von Todesangst und Todesschmerzen. Das Evangelium schildert keinen heroischen Tod.

 

"Eli, Eli, lama asabtani" – das sind aber nicht nur die letzten Worte Jesu am Kreuz, das sind auch die ersten Gebetsworte von Psalm 22. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" – so geben ganz unterschiedliche Bibelausgaben die Hebräischen Worte wieder. Wie, wenn Jesu letzte Worte weniger ein spontaner Schrei waren, wenn Jesus mit den letzten Worten Psalm 22 herausgeschrien hätte?

 

 

Psalmdichter David an der Gaisburger Kirche (Stuttgart)

(Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Vers für den ganzen Psalm steht; das kennen wir gut: Da spricht zum Beispiel jemand die Worte "Der Herr ist mein Hirte". Dann wissen alle, die irgendwann einmal am kirchlichen Unterricht teilgenommen haben, wie es weitergeht: "… mir wird nichts mangeln", dann haben viele den ganzen Psalm 23 im Ohr. So steht die erste Zeile des Psalms für das Ganze.)

 

Ja, Psalm 22 beginnt mit dieser Frage: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Und dann nennt der Beter den Grund für diesen Eindruck:

 

Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
(Ps 22,3)

 

Weshalb ruf er zu Gott? Es ist eine Erfahrung, die Hiob gemacht hat, die der Gottesknecht aus dem Jesaja-Buch gemacht hat, die auch Jesus machen musste:

 

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.
Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf.
(Ps 22,7+8)

 

Seine Klage, seinen Schmerz bringt der Mensch, der Psalm 22 zuerst gebetet hat, vor Gott. Das ist tatsächlich unlogisch. Dieser Mensch stellt nicht einfach fest: Gott hat mich verlassen. Vielmehr bringt jemand, der sich von Gott verlassen fühlt, ebendiesem Gott sein Leid, seinen Schmerz, spricht diesen Gott weiter an. Dabei beruft er sich auf die Geschichte Gottes mit seinem Volk:

 

Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. (Ps 22,5)

 

Der Psalm beginnt mit der verzweifelten Klage, aber er bleibt nicht dabei stehen. Im Gegenteil: die Klage geht über in Lob:

 

Rühmet den Herrn, die ihr ihn fürchtet; denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen
und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.
(Ps 22,24+25)

 

Schmerzliche Klage und Gotteslob stehen in dem Psalm hintereinander. Das Lob nimmt der Klage nicht ihre Schärfe. Das Gotteslob folgt nicht auf den Schmerz nach dem Motto "Kopf hoch, wird schon wieder". Der Blick auf Jesus macht das deutlich; hier schreit ein Todgeweihter sein Leid heraus. Aber er ruft nicht ins Leere; selbst am Ende seines Lebens, mit dem Gefühl, von Gott und der Welt verlassen zu sein, wendet er sich an diesen Gott. Es ist eine verzweifelte Hoffnung, dass Gott hört, dass Gott hilft. Aber an diese verzweifelte Hoffnung klammert sich, wer in der Not Psalm 22 betet.

 

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Ist das der spontane Schrei eines Hingerichteten? Bringt Jesus hier einfach ein persönliches Gefühl zum Ausdruck? Das ist möglich, das ist angesichts des nahen Todes zu erwarten. Aber vielleicht betet der Sterbende einen Psalm, klagt er sein Leid dem Gott, von dem er immer noch viel erwartet?

 

In Bildern, in Gebeten und in der Musik ist der gekreuzigte Jesus als Vorbild für die Gemeinde hingestellt und verstanden worden. Ob es spontaner Schrei oder ersticktes Psalmgebet ist: auch für den Sterbenden bleibt Gott "mein Gott". Wenn Jesu letzte Worte aber ein Psalmgebet sind, wenn er Psalm 22 anstimmt, dann schwingt selbst in dieser tiefen Verzweiflung die verzweifelte Hoffnung mit, dass Gott hört und heraushilft. Daran können, daran dürfen wir uns in schweren Zeiten erinnern, das soll uns am Ende trösten.

 

Amen

Choral "Wenn ich einmal soll scheiden" (EG 85,9)

Wir beten:

Dein Ende, Jesus, ist ungerecht.
Aber ich höre dich am Ende sagen:
"Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."
Du beendest das Aufrechnen.
Und Vergebung kann gelebt werden und Neuanfang.


Dein Ende, Jesus, ist hoffnungslos.
Doch ich höre dich am Ende sagen:
„Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“
Du stiftest eine Hoffnung über den Tod hinaus.
Es gibt keine hoffnungslosen Fälle mehr.


Dein Ende, Jesus, ist tiefe Verlassenheit.
Und ich höre dich am Ende sagen:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Aber das Leben hat den Tod verschlungen im Sieg.
Wir bitten für alle Mutlosen, dass sie Kraft schöpfen.


Dein Ende, Jesus, ist nicht die Leere.
Denn ich höre dich am Ende sagen:
„Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“
Dein Leben strömt wie lebendiges Wasser im dürren Land.
In dir ist das Ende aufgehoben.
Du selbst verströmst dich im Tod, mein Gott.
Wir bitten für alle, die sich von Gott und der Welt verlassen fühlen.


Dein Ende, Jesus, das ist die Wende,
weil ich dich am Ende sagen höre:
"Es ist vollbracht."

 

... und wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

 

Choral "Erscheine mir zum Schilde" (EG 85,10)

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht durch die Unsicherheit der kommenden Tage und Wochen mit dem Segen unseres Gottes:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

Zum Ausdrucken und Weiterreichen finden Sie hier eine pdf-Datei.

 

 

Matthias Ahrens, 8. April 2020