Gottesdienst am 7. Sonntag nach Trinitatis (26. Juli 2020)

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Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Die Gottesdienste in Dobel und in Rotensol hält an diesem Sonntag Pfr. Peter Müller.

 

Außer der Reihe hat er sich einen Abschnitt aus dem Kolosserbrief vorgenommen, einem der weniger bekannten Briefe im Neuen Testament.

 

Einen Grund, weshalb der Brief nicht so bekannt oder beliebt ist, spricht Pfr. Müller gleich zu Beginn der Predigt an: "Der Kolosserbrief schwelgt oft in großen Worten".

 

 

Doch dann findet er diesen "kurzen, klaren Satz – prägnant und zupackend". Unter anderem deshalb steht der Brief eben aus gutem Grund im Neuen Testament. Welcher das ist, verrät Pfr. Müller unten ...

"Die güldne Sonne" (Evangelisches Gesangbuch 449,1)

Wir beten mit Worten von Psalm 92:

Wie schön ist es, dem Herrn zu danken,

deinem Namen, du Höchster, zu singen,

 

am Morgen deine Huld zu verkünden

und in den Nächten deine Treue.

 

Amen

"Mein Auge schauet, was Gott gebauet" (EG 449,2)

Ertragt einander in Liebe!

12 Zieht nun an als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, 13 indem ihr einander ertragt und euch gegenseitig vergebt, wenn jemand eine Anschuldigung hat gegen jemanden; wie (auch) der Herr euch vergeben hat, so (vergebt) auch ihr! 14 Über das alles aber (zieht an) die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist. 15 Und der Friede Christi regiere in euren Herzen; auf ihn hin seid ihr berufen in einem Leib. Und seid dankbar! 16 Das Wort Christi wohne reichlich unter euch indem ihr einander in aller Weisheit lehrt und ermahnt, und mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern Gott dankbar und in Gnaden in euren Herzen singt. 17 Und alles, was ihr tut, im Wort oder Werk, alles (das tut) im Namen des Herrn Jesus, und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

 

(Kolosser 3,12-17)

 

 

Gustave Dorè: Jesus und die Kindlein

Bei manchen Predigttexten – und auch bei Kol 3,12-17 – denke ich: Muss das so salbungsvoll sein, so betont feierlich, so kirchlich-fromm? Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte … Die Liebe darf natürlich nicht fehlen in so einem Text, die Vollkommenheit auch nicht, darunter scheint's nicht zu gehen; kein Wunder, dass dann auch noch Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder gesungen werden sollen. Pompöse Worte … Der Kolosserbrief schwelgt oft in großen Worten; im Überschwang der Botschaft von der Versöhnung durch Jesus Christus ist ihm offenbar kein Wort groß genug. Mir ist das manchmal etwas viel.

 

Und dann poppt auf einmal – wie auf dem Computerbildschirm - mitten in diesem Wortschwall ein kurzer, klarer Satz auf, prägnant und zupackend: Indem ihr einander in Liebe ertragt … Also nicht: Liebt einander inniglich und seid euch aufs Herzlichste zugetan usw. – sondern: Ertragt einander, gewiss, die Liebe kommt auch vor, aber vor allem diese sehr erfahrungsgesättigte Aufforderung: Ertragt einander!

 

 

Klar, prägnant, zupackend: ja – aber nicht einfach. Andere zu ertragen ist manchmal ziemlich schwer: Gerade jetzt in diesen merkwürdigen Corona-Zeiten. Die liebsten Menschen können einem nach vier Wochen Lockdown erheblich auf die Nerven gehen; dazu kommt vielleicht die Sorge um den Arbeitsplatz; oder quengelnde Kinder im Homeoffice; da sehnt man sich manchmal sogar nach dem ewig nörgelnden Kollegen – obwohl … Und dann dazu mancher Schwachsinn, der gerade verbreitet wird: Dass Bill Gates die Welt erobern und die Deutschen dezimieren will; dass Angela Merkel eigentlich ein Reptil ist und das Covid-19-Virus eine biologische Waffe, wahlweise der USA oder Chinas; soll man das auch ertragen? Oder dass manche Menschen zu denken scheinen, dass die gegenwärtigen Beschränkungen zwar für alle gelten, aber nicht für sie.

 

Wir brauchen noch nicht einmal Corona, um zu wissen, dass der klare, prägnante Satz seine Tücken hat. Der Nachbar, der immer nur Ärger macht; die Schwester, die immer alles besser weiß, der Opa mit seinen immer gleichen Geschichten … Unter Christen ist es auch nicht viel anders: Da gibt es die normalen Christen und die wahren Christen und die ganz wahren, die sich nur deswegen nicht streiten, weil sie kaum miteinander reden.  … Mark Twain fällt mir ein mit seinem bekannten Bonmot, dass es viele Leute gebe, die Schwierigkeiten hätten mit Bibelversen, die sie nicht verstehen. Er dagegen hätte vor allem Schwierigkeiten mit den Versen, die er versteht. "Ertragt einander" ist ja nicht schwer zu verstehen …

 

 

Blicken wir auf die Situation in Kolossä: Da gab es Grund zum Danken – aber auch Grund sich aufzuregen.

 

Grund zum Danken für die Gemeinde in dieser Stadt, dafür, dass sie sich gegenseitig unterstützen und auch über die eigene Gemeinde hinaus anderen helfen. Was man über die Christen in Kolossä hört, ist ganz positiv. 

 

In der Gemeinde gibt es aber auch Unruhe. Einige sehen sich als besondere Christen an. Sie glauben an Christus, natürlich, aber sie fügen noch ein paar weitere Elemente hinzu: Das Verstehen der Welt (und was sie im Innersten zusammenhält), die Verehrung überirdischer Mächte, Visionen und, nicht zuletzt, konkrete Verhaltensregeln: tu dies, lass jenes! Erst alles zusammen, sagen sie, macht den wahren Christen aus.

 

Der Verfasser des Kolosserbriefs sieht das anders. Er sagt: Wenn ihr alles dies noch zum Glauben an Christus hinzufügt, dann macht ihr Jesus eigentlich klein. Dann sagt ihr doch genau genommen: Der Glaube an Jesus allein reicht nicht, wenn nicht dies und jenes noch dazukommt, besondere Leistungen, besondere Erkenntnisse, besondere Weisheit. Wollt ihr euch wirklich in solche Abhängigkeiten begeben? Von Mächten, die Jesus doch überwunden hat? Ihr habt viel Grund zum Danken. Wenn andere euch Vorschriften machen wollen, stellt eure Dankbarkeit dagegen. Sie sind nicht eure Feinde. Ertragt einander, aber macht euch nicht gegenseitig Vorschriften, was ihr glauben oder tun sollt. Schaut lieber auf das, wofür ihr Grund zum Danken habt.

 

 

Ich habe viel Grund zur Dankbarkeit. Sie auch?

  • Ich sehe mir manche anderen Länder an und bin dankbar für die Politiker, die wir haben und wie umsichtig sie (bei aller Kritik im Detail) mit der Corona-Krise umgegangen sind;
  • ich sehe unser Gesundheitssystem und bin dankbar, dass ich versorgt werde, wenn ich krank bin;
  • ich sehe Demonstrationen, finde sie gut, manchmal auch nicht gut, bin aber auf jeden Fall dankbar, in einem Land zu leben, in dem man seine Meinung offen sagen kann;
  • ich bin dankbar für andere Meinungen, weil ich ja manchmal selbst merke, dass ich Unrecht habe;
  • und ich bin dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die mich und meine Meinungen und meine Eigenheiten ertragen;
  • ich bin erst recht dankbar dafür, im Glauben einen Halt zu haben, der über Alltägliches hinausgeht, über meine Sorgen und Unsicherheiten auch;
  • ich bin dankbar, dass es diese Botschaft vom Frieden Christi gibt, eine Botschaft so oft gegen allen Augenschein, aber ich will nicht auf sie verzichten;
  • ich merke, wenn ich genauer hinsehen, dass ich auch dankbar bin für manche Worte in diesem Text, z.B. Demut oder Sanftmut, die zum Nachdenken reizen.

 

Ich bin dankbar für Texte wie den von Wolfgang Dietrich zur Sanftmut, den ich schon viele Jahre kenne:

 

 

Sanftmut: die Stärke,

in der ein Mensch den Teufel, der ihn reiten will, abwirft.

            Sanftmut: die Weigerung wider die Verlockung,

die zur Gewalttat reizt.

            Sanftmut: die stetige Energie,

sich auf die Wege des Nichtsanften nicht abdrängen zu lassen.

            Sanftmut: die Unverdrossenheit, sich vom Gehabe

des Schroff- und Scharfmuts nicht imponieren zu lassen.

Sanftmut: das Stirnbieten

dem dröhnenden Aufmarsch der Nullen.

            Sanftmut: die Souveränität

gegenüber den Prämien des Übertrumpfens.

Sanftmut: die Unverführbarkeit zur brutalen Gewalt.

 

Und ich bin dankbar, dass es so viele schöne Lieder gibt, Psalmen z.B., aber auch Rap und Pop und Gospel, von Bach und Mozart ganz zu schweigen. 

Und seid dankbar – weil Dankbarkeit den Horizont weitet. Weil der Dank mich öffnet, für das Gute, das ich erfahre, für die Menschen, die ich brauche, für die Welt, die mir Raum zum Leben gibt, für Gott, der mich leben lässt und die anderen auch, für Christus, an dem ich sehen kann, was Versöhnung und Friede und was "ertragt einander" heißt.

 

Ich bin am Ende sogar versöhnt mit der pompösen Sprache des Briefes. Der Briefschreiber ist offenbar begeistert von dem, was er an Frieden und Hoffnung, an Vergebung und Versöhnung erfahren hat. Und lässt sich hinreißen zu einer üppigen Sprache. Das ist nicht so meins. Aber solange für mich ein paar kleine, einfach Sätze dabei sind, kann ich auch die anderen gut hören. Und vielleicht gelingt es mir ja, sie nach und nach in meine eigene Sprache zu übersetzen.

Sanftmut den Männern! Großmut den Frauen!

Sanftmut den Männern!
Großmut den Frauen!
Liebe uns allen
Weil wir sie brauchen

Flügel den Lahmen!
Lieder den Stummen!
Träume uns allen
Weil wir sie brauchen

Mut den Gejagten!
Ehrfurcht den Starken!
Friede uns allen
Weil wir ihn brauchen

Wir beten:

Danke Gott,
für das Leben,
das in so vielen Farben und Töne
mich staunen lässt und neugierig macht,
immer noch und immer wieder.

 

Danke Gott,
für die Liebe,
die mich vom ersten Atemzug an umhüllt,
und die ich in so verschiedener Weise
und unverdient geschenkt bekomme.

 

Danke Gott,
für die Erfahrungen Deiner Nähe,
für die Sehnsucht nach Mehr in meinem Herzen,
für alles Suchen und Finden und Fragen,
und für Deinen Geist, der mich bewegt.

 

Danke Gott,
für alle Menschen,
mit denen ich leben und wachsen darf,
für die, die mich groß sehen,
und für die, die mir eine Herausforderung sind.

 

Danke Gott,
für meine Gaben und Aufgaben,
mit denen ich in der Welt gestalten kann,
durch die ich meinem Inneren Ausdruck geben darf,
und auch für meine Grenzen,
die mir den Raum meines Lebens zeigen.

 

Danke Gott,
auch für alle dunklen Stunden,
für meine Fragen, meine Sorgen und Ängste,
weil sie mich nicht satt sein lassen,
sondern demütig und suchend.

 

Danke Gott,
für das Leben, das Du selber bist!

 

(ein Gebet von Regina Hagmann)

 

... wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

"Lasset uns singen" (EG 449,3)

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit zuversichtlich in die kommenden Tage:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

Pfr. Peter Müller