Gottesdienst am 5. Sonntag nach Trinitatis (12. Juli 2020)

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Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Nach wie vor mögen Gemeindeglieder nicht zum Gottesdienst gehen, die eigentlich gern in die Kirche kommen. Nicht, dass sie keine Zeit hätten. Nicht, dass es am Pfarrer liegt (hoffe ich jedenfalls ...). Nein, es sind die Abstandsregeln und die Mund-Nasen-Bedeckung und der Verzicht aufs Singen, die ihnen die Freude am Gottesdienst nehmen.

 

Ob es da hilft, dass wir - laut Verordnung der Landeskirche - nun wieder im Gottesdienst singen dürfen? ... aber mit Mund-Nase-Bedeckung ... Wie das wohl geht? Wie sich das wohl anfühlt? Wie das wohl ankommt? Nach dem Gottesdienst am Sonntag werde ich es wissen, werden wir es wissen.

 

Bei einem Gottesdienst im Grünen fühlen wir uns nicht so eingeschränkt, haben viele aus dem Kirchengemeinderat festgestellt. Deshalb feiert die Kirchengemeinde Neusatz-Rotensol am 5. Sonntag nach Trinitatis den Gottesdienst mit Pfr.in Müller-Friese auf der Wiese hinter dem Dietrich-Bonhoeffer-Saal in Rotensol. Von ihr stammt diese Andacht.

 

Die Kirchengemeinde Dobel feiert in der Kirche. Dabei verabschiedet sie die langjährige Kirchenpflegerin Ursula Neuweiler und führt die neue Kirchenpflegerin Iris Lach ein.

 

Über beiden Gottesdiensten steht ein Wort aus dem Epheserbrief des Apostels Paulus:

 

Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es. (Eph 2,8)

"Gott gab uns Atem, damit wir leben" (Evangelisches Gesangbuch 432,1)

Wir beten:

Am Beginn dieses Tages gehen unsere Gedanken zu dir, Gott:

Wir glauben dich in unserer Mitte.

 

An diesem Morgen suchen wir deine Nähe, Gott:

Wir glauben dich an unserer Seite.

 

In dieser Stunde hören wir deinen Ruf, Gott:

Wir glauben dich auf unserem Weg.

 

Die Zeit zwischen gestern und morgen leben wir im Vertrauen auf dich, Gott: Wir glauben uns in deiner Hand geborgen.

 

Amen

Der Fischzug des Petrus

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 

Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.

Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

(Lukas 5,1-11)

 

Diese Geschichte, liebe Gemeinde, ist eine wunder-bare Geschichte. Sie erzählt von Wundern. Was, würden Sie sagen, ist das Wunder? Logisch – das übervolle Netz mit Fischen, das Petrus mitten am hellen Tag aus dem See zieht. Mal sehen, ob die das einzige Wunder ist...

 

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/See_Genezareth

Petrus ist ein erfahrener Fischer, das ist sein Beruf. Vielleicht hat er ihn von seinem Vater erlernt und schon als kleiner Junge auf dem Boot geholfen. Er ist mit Fischen und Fischern groß geworden. Er kennt auch den See Genezareth wie seine Westentasche. Das ist auch wichtig, lebensnotwendig, denn der See hat es in sich. Er ist 21 km lang und an den breitesten Stellen bis zu 12 km breit. Der Fluss Jordan fließt durch den See, der 42 bis 48 Meter tief sein kann. Weil er 209 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, ist er umgeben von hohen Bergen. Bei Wetterveränderungen kommt es zu gefährlichen Fallwinden. Sie „fallen“ mit hoher Geschwindigkeit von den Bergen. und erzeugen im See Wellen, die so hoch wie ein Haus werden können. Das ist für die Fischer sehr gefährlich. Sie erinnern sich vielleicht an die Geschichte von der Sturmstillung, sie erzählt von diesen Winden.

 

Der See Genezareth ist sehr fischreich, viele verschiedenen Fischarten leben in ihm. Die Fischer gehen zur Arbeit, wenn es dunkel wird. Sie zünden auf ihren Booten Lichter an, um die Fische anzulocken. Und meistens sind sie erfolgreich. Die Fische, die sie fangen, werden getrocknet und verkauft und davon leben die Familien.

 

Aber es gibt auch Nächte, in denen die Netze leer bleiben. Dann ist alle Mühe vergeblich, dann nützen alle Erfahrungen nichts und auch nicht das handwerkliche Geschick. Auch ein so erfahrener Fischer wie Petrus scheitert manchmal. Da kann man nichts machen. Müde und enttäuscht macht er das Boot am Ufer fest und hängt die Netze zum Trocknen auf. Wenn das öfter vorkommt, wird es kritisch für Petrus und seine Familie.

 

Kees de Kort

Da kommt Jesus zu ihm und bittet: lass mich von deinem Boot aus zu den Menschen reden. Petrus fährt sein Boot ein Stück vom Ufer weg, ob er Jesus zuhört oder müde wie er ist, ein Nickerchen macht, wir wissen es nicht. Nach einer Weile aber hört er Jesus sagen: "Fahr nochmal hinaus. Dahin, wo es tief ist." Petrus traut seinen Ohren nicht, unmöglich ist diese Forderung. Jesus kann vielleicht gut predigen, aber vom Fischen versteht er nichts, das ist mal klar. Wer in der Nacht nichts fing, der wird am Tag erst recht keine Fische fangen, wenn diese sich 40 Meter tief auf dem Boden des Sees aufhalten. So weit reichen die Netze mit Sicherheit nicht. Petrus will sich ja nicht lächerlich machen: "Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen ... aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen."

 

Ist das nicht ein Wunder? Da lässt sich ein erfahrener, kompetenter und erfolgreicher Fischer auf das Wort eines Wanderpredigers ein, der sich sein Boot zum Predigen ausgeliehen hat. Einfach so. Gegen alle Erfahrung und gegen allen gesunden Menschenverstand und auch gegen seinen eigenen Willen, einfach nur: "auf dein Wort hin...". Das ist die Voraussetzung dafür, dass das zweite Wunder überhaupt geschehen kann: Petrus fängt Fische, mehr als sein Boot fassen kann.

 

Petrus ist verwirrt, schockiert: das hatte er nicht erwartet. Dieser Jesus macht ihm Angst, kann das mit rechten Dingen zugehen? Was ist das für einer? Besser ist es, Abstand zu halten: Geh weg von mir, Herr, ich bin ein sündiger Mensch.

 

Aber Jesus geht nicht weg, im Gegenteil: er kommt diesem Petrus noch viel näher, ganz nah und traut ihm mehr zu als er selbst: Fürchte dich nicht, von nun an sollst du Menschen fischen. Jesus ruft Petrus hinaus aus seinem bisherigen Leben, aus seinen gewohnten Bahnen und macht ihn zu seinem Jünger, seinem Nachfolger. Und Petrus und die anderen brachten die Boote an Land und folgten ihm nach. So endet die Geschichte.

 

privat

Was für ein Wunder: Petrus lässt sich ein auf das, was Jesus zu ihm sagt, er vertraut ihm. Und indem er sich darauf einlässt, auf unbekannte Wege, neue Möglichkeiten, erfährt er Neues, bleibt er nicht der Alte. Er erkennt, ich traue mir gar nichts mehr zu, ich habe mich eingemauert in meinen Erfahrungen, verschlossen in meinem Leben. So bleibt alles beim Alten, so kann sich nichts ändern.

 

Diese Erfahrung lässt Petrus nicht in Ruhe. Er wird nicht der bleiben, der er war. Er wird seine sichere Position im Leben verlassen, wird sich öffnen. Er hat an sich selbst gespürt, was Mut, Hoffnung und Vertrauen bewirken können. Das wird sein Verhalten ändern, das werden andere an Petrus spüren: er ist anders geworden, ein anderer.

 

Wenn uns diese Geschichte heute als Predigttext vorgelegt ist, dann stellt sie uns einige Fragen:

  • Wie und wo begegnet Jesus uns heute? Wie spricht er uns an und was traut er uns zu? Mir und dir und seiner Kirche heute, hier und jetzt?  
  • Hören wir seine Stimme? Fahr noch einmal hinaus. Verlass deine alten Fahrwasser, lass dich auf Neues ein, wage Ungewohntes oder sogar Unvernünftiges.
  • Haben wir so viel Mut und Vertrauen wie Petrus? Wagen wir uns in unsicheres Gewässer? Suchen wir Weggefährten, die mit uns gehen und sind wir bereit für Wunder?
  • Bin ich bereit, noch einmal hinauszufahren, das Netz auszuwerfen und mich überraschen zu lassen von einer Fülle, die ich mir noch gar nicht vorstellen kann?

Fragen aus der Geschichte – persönliche Antworten muss wohl jede und jeder für sich suchen.

 

 

Für unsere Kirche lassen sie mich noch ein paar Gedanken anfügen:

 

Wir leben in Corona-Zeiten, vieles hat sich verändert, alte Sicherheiten gibt es nicht mehr, manche neuen Herausforderungen stellen sich. Die Kirchensteuer geht zurück, die Menschen trauen sich nicht in die Gottesdienste und die Kirche traut sich nicht mehr zu den Menschen. Viele Menschen wenden sich ab und interessieren sich nicht (mehr) für den Glauben. Manch einer hat so ein Gefühl wie Petrus: ich habe die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen ... Mutlosigkeit, Enttäuschung und auch Angst machen sich breit: was soll werden, wie soll es weitergehen?

 

"Fahr noch einmal hinaus" sagt Jesus. Auf sein Wort hin – wollen wir es wagen, neue Wege zu suchen, manches aufzugeben und andere neu anzufangen. Wir werden Erfahrungen machen, die wir uns heut noch gar nicht ausdenken können. Es werden andere da sein, die helfen und mitarbeiten. Vielleicht warten viele nur darauf, dass es wenige gibt, die anfangen, nach neuen Wegen des Lebens zu suchen.

 

Weil es einen gibt, der uns mehr zutraut, als wir selbst es tun, können wir auf sein Wort hin losfahren und die Netze auswerfen.

Zu Menschenfischern werden.

 

Amen

"Gott gab uns Ohren, damit wir hören" (EG 432,2)

Wir beten:

Lebendiger Gott, wir bitten dich für uns alle, gewinne uns für dein Reich. Wir wollen Realisten sein und fest auf dem Boden der Tatsachen stehen. Dabei verlieren wir die Hoffnung und den Glauben. Hole uns heraus aus unseren Mauern und ins lebendige Leben.

 

Wir bitten für alle, die enttäuscht sind, lass sie Mut und Hoffnung fassen. Wir bitten für alle, die in ihrem Leben so vieles haben scheitern sehen, lass sie lebendig bleiben. Wir bitten für alle, die unter den Lügen und Heucheleien in der Gesellschaft verzweifeln, lass sie Vertrauen finden.

 

Wir bitten dich für uns alle, die wir dem Ruf Jesu folgen und als seine Nachfolger leben wollen, lass uns Wärme und Hoffnung ausstrahlen und andere überzeugen. Lass dein Evangelium unter uns allen lebendig sein, damit wir leben.

 

... wir beten weiter, wie Jesus uns gelehrt hat:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

"Gott gab uns Hände, damit wir handeln" (EG 432,3)

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit zuversichtlich in die kommenden Tage:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

Pfr.in Anita Müller-Friese