Gottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis (21. Juni 2020)

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Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Der dreieinige Gott (Kirche Dobel)

Kinder und Jugendliche gehen wieder in die Schule - wenn auch in Schichten und nur für wenige Stunden. In der Klosterkirche hat es wieder ein Konzert gegeben - wenn es auch nur dreißig Minuten dauerte und nur 40 Personen mit Mund-Nase-Bedeckung zuhören durften. Wieder Stammtisch, wieder Besuche ... Aber bei jedem Fernsehbild, auf dem die Fußballspieler sich umarmen, stockt mir der Atem: Wird das gutgehen?

 

Gottesdienst feiern wir ja schon wieder seit einigen Wochen. Gewohnheiten stellen sich ein: die einen kommen nicht, die anderen haben sich - schweren Herzens - an die Mund-Nase-Bedeckung gewöhnt, weiterhin die Andachten im Internet.

 

Auch das Kirchenjahr geht auf die lange Strecke, zweiter Sonntag nach Trinitatis - eine lange Zeit ohne Feste. Die Einladung Jesu ist die Überschrift dieses Sonntags:

 

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken
(Mt 11,28)

 

Spricht uns das an?

"Auf und macht die Herzen weit" (Evang. Gesangbuch 454,1)

Wir beten:

Du treuer Gott, dein Herz ist aufgetan in Jesus Christus, deinem Sohn. Er ruft alle Mühseligen und Beladenen.

 

Wir danken dir, dass wir ein Zuhause finden in deiner Gemeinde. Erfrische auch uns durch den Strom deiner Kraft und deiner Liebe. Lass unsern Glauben wachsen unter deinem Wort, schenk uns Gemeinschaft, hilf uns, deine Güte an allen Orten zu bezeugen.

 

Durch ihn, unsern Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Amen

"Gottes Wort erschuf die Welt" (EG 454,2)

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Das ist doch wirklich eine Einladung, die man gern hört:

 

 

… alle, die ihr mühselig und beladen seid.

 

Wer sollte da sich da nicht angesprochen fühlen, nicht „hier, ich“ rufen? Die Berufstätigen kommen kaum hinterher, denen im Ruhestand werden Alltagsgeschäfte mit der Zeit immer schwerer, manche Kleinkinder lassen junge Eltern nicht in den Schlaf finden. In Corona-Zeiten verbringen Kinder mit Fernunterricht und Eltern im Home Office mehr Zeit miteinander, als ihnen oft lieb ist, Selbständige bangen um Aufträge und den Fortbestand ihres Geschäfts, Angestellte um ihren Arbeitsplatz, Vielen fällt mit der Zeit zuhause die Decke auf den Kopf, Kranke sehnen sich nach Kontakt und Besuch … Wer ist nicht mühselig und beladen – wenigstens zeitweise?

Es macht den Eindruck, als wenn Jesus hier alle Menschen anspricht, alle Menschen einlädt. Warum folgen nicht alle? Der Wochenspruch ist eben nur ein Satz, nur ein Teil des Predigttexts aus dem Matthäus-Evangelium. Der Abschnitt beginnt mit diesen Worten Jesu:


Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.

 

Von wem spricht Jesus hier? Wir, die Christenmenschen, die Gemeindeglieder, die Jesus nachfolgen wollen – zählen wir zu den Unmündigen? Nun gut, als klug und weise würden wir uns selbst nicht bezeichnen – unsere Kinder sehen wir gern als klug an; weise zu sein erscheint uns ein Ziel zumal im Alter – aber Unmündige, „Kindliche“ wie ein Bibelausleger übersetzt, sind wir das?

 

Nicht unbedingt weise, aber auch nicht unmündig. Am ehesten und am liebsten ordnen wir uns dazwischen ein, egal, wo wir stehen. „Wir sind doch ganz normale Leute“, sagte eine Frau aus einem sehr reichen Stuttgarter Stadtteil. „Wir kleinen Leute“ sagte eine Professorin, als sie ihren Platz in der Gesellschaft beschreiben wollte. Am liebsten ordnen wir uns in der Mitte ein. … auf jeden Fall nicht als Unmündige, als Kindliche; schließlich sind wir mündige Bürger. Jesus aber sagt:

 

Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.

 

Sind wir also überhaupt angesprochen? Diese Frage müssen wir uns stellen, wenn wir die Bibel ernst nehmen. Gott offenbart den Unmündigen, den Kindlichen etwas, das er vor den Klugen und Weisen verbirgt. Sind wir, die wir uns irgendwo dazwischen sehen, überhaupt angesprochen?

 

 

Prophet Jesaja (Klosterkirche BHA, W. Brendlin)

Den Weisen verborgen – den Unmündigen offenbar: das ist hier kein Betriebsunfall, kein einmaliger Ausrutscher. Schon Maria, als der Engel ihr die Geburt des Gottessohnes ankündigt, singt in ihrem Lobpreis, dem Magnificat:

 

Denn Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen …

Er stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen …

Die Hungrigen füllt er mit Gütern …

 

Jesus selbst macht bei seinem ersten Auftritt in der Synagoge von Nazareth klar, an wen er sich richtet. Da liest er ein Wort des Propheten Jesaja:

 

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit …

 

Und fügt dann hinzu:

 

Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

 

Aus gutem Grund wundern die Pharisäer und Schriftgelehrten sich. Da beansprucht ein Wanderprediger, von Gott gesandt zu sein – und legt sich konsequent mit denen an, die sich besonders intensiv um Gottes Wort und seine Gebote kümmern. Sind die Unmündigen, die Niedrigen, die Gefangenen, die Blinden, die Zerschlagenen – sind die alle bessere Menschen, nur weil sie arm sind?

 

 

Zwei Frauen - Käthe Kollwitz - Kunsthalle Karlsruhe

Jesus selbst war klar, dass er viele vor den Kopf stößt. Nur wenige Abschnitte vor dem Predigttext fragen die Jünger des Johannes Jesus nach seinem Auftrag. Er wiederholt das Wort des Propheten Jesaja und schließt mit den Worten:

 

… und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. (Mt 11,6)

 

Tatsächlich haben sich genügend Leute über Jesus geärgert, selbst unter seinen Jüngern. Selbst sie, die ja nun wirklich zu den Niedrigen gezählt werden können, haben sich den Weg mit Jesus oft anders vorgestellt. Immer wieder weist er sie zurecht, korrigiert er ihre Erwartungen …

 

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

 

Selbst diese schöne Einladung bleibt nicht so stehen:

 

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

 

Ein sanftes Joch, eine leichte Last – aber immerhin doch ein Joch und eine Last. Ist das die Erholung, von der Jesus vorher gesprochen hat? Sind das nicht schon wieder Gründe, sich über Jesus zu ärgern?

 

Sind wir überhaupt angesprochen? Meint Jesus uns, wenn er die Mühseligen und Beladenen, die Unmündigen und die Armen einlädt? Nein, das meint offensichtlich nicht uns, die wir vielleicht nicht sehr weise sind, aber auch nicht als unmündig gelten möchten.

 

Müssen Jesu Worte uns dann auch nicht interessieren? Haben die Leute recht, die sich nicht angesprochen, nicht eingeladen fühlen? Zwei Beobachtungen machen auch uns Hoffnung:

 

Erst einmal beruft Jesus Menschen in seine Nachfolge. Er geht auf Menschen zu, die das nicht erwartet hätten, und macht sie zu Jüngern. Das sind ganz unterschiedliche Leute, Fischer und Zollpächter und sogar ein reicher Jüngling.

 

Und dann gewinnt er das Vertrauen von Menschen, die sich an ihn wenden, Menschen, die man nicht in der Gesellschaft eines jüdischen Wanderpredigers erwarten würde: Frauen ohne Familie, römische Soldaten. Die kommen zu ihm, weil sie seine Vollmacht erlebt haben, weil sie ihm als Sohn Gottes vertrauen.

 

So gilt beides: Ja, Jesus offenbart den Unmündigen, was den Weisen verborgen geblieben ist. Und ja, Jesus lädt viele Menschen ein, ihm auf seinem Weg zu folgen.

 

Amen

"... den Geplagten gilt sein Ruf" (EG 454,3)

Wir beten:

Du lädst uns ein, barmherziger Gott. Bei dir haben wir das Leben in Fülle. Bei dir enden die Sorgen. Bei dir ist die Angst vorbei. Du gibst und alle Welt atmet auf. Wir bitten dich:

 

Höre unser Gebet.

 

Du lädst die Durstigen ein. Du lädst die Hungrigen ein. Bei dir haben sie Hoffnung auf Wasser, Brot, Milch und Honig.

Bei dir haben sie Hoffnung auf Gerechtigkeit.
Gib ihrer Hoffnung Kraft und erfülle sie, damit die Hungrigen und Durstigen satt werden, damit es gerecht in der Welt zugeht. Wir bitten dich:

 

Höre unser Gebet.

 

Du lädst die Fragenden ein. Du lädst die Suchenden ein. Bei dir finden sie Antworten. Bei dir finden sie ihren Weg.

Antworte ihrem Fragen und Suchen, damit dein Wille sichtbar wird, damit die Mächtigen umkehren, damit die Klugen umkehren, damit wir alle zu dir umkehren. Wir bitten dich:

 

Höre unser Gebet.

 

Du lädst die Liebenden ein. Du lädst die Traurigen ein. Du bist das Glück. Du bist der Trost. Segne die Liebe.

Lindere den Schmerz, damit die Kranken Heilung finden, damit die Trauernden weiterleben, damit sich die Verzweifelten aufrichten, damit wir einander Gutes tun. Wir bitten dich:

 

Höre unser Gebet.

 

Du lädst alle Welt ein. Du lädst deine Kirche ein. Du gibst Frieden. Du gibst Einheit. Schütze die Verfolgten, rette die Ertrinkenden, verteidige ihre Retter. Mache uns zu Boten des Friedens. Wir bitten dich:

 

Höre unser Gebet.

 

Dir vertrauen wir uns an und alle, die zu uns gehören an, durch Jesus Christus, unseren Herrn und Bruder.

 

... wir beten weiter, wie er uns gelehrt hat:

 

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.

"Darum macht die Herzen weit" (EG 454,6)

Geht hin ...

Auferstehungskreuz Neusatz

... geht trotz aller Unsicherheit zuversichtlich in die kommenden Tage:

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

 

 

Pfr. Matthias Ahrens